0926 | Agenten, Tools & Widgets: Der Product-Rundflug

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Show notes

Diese Episode nimmt euch mit durch die aktuelle Welt der KI-Agenten, Entwickler-Tools, Kreativ-Software und Datenschutz-Apps – von Telefonnummern für Assistenten über MCP-Integrationen bis zu einer ultraleichten VR-Brille. Wir zeigen, was die neuen Produkte können, worauf man achten sollte und was noch unklar ist.

Zeitleiste

  • 00:00:04 Einleitung
  • 00:00:31 KI-Agenten ans Telefon und an die Arbeit
  • 00:02:16 MCP als Standard: Agenten steuern echte Systeme
  • 00:06:13 Agentisches Marketing: Wenn KI über Sichtbarkeit entscheidet
  • 00:08:35 Live-Visuals und generierte Welten
  • 00:10:33 Meetings erfassen und Screens zeigen – Tools für den Alltag
  • 00:12:19 Design-Inspektion im Browser und Retro-TV für Devs
  • 00:14:00 Datenschutz, wo es heikel wird: Anprobe und 2FA-Sharing
  • 00:15:50 On-Device-KI und Bot-Abwehr
  • 00:17:46 Hardware-Zukunft: Leichte VR von Meta
  • 00:19:00 Voice-first Bauen: Software ohne Tastatur
  • 00:19:59 App-Tests mit KI-Usern
  • 00:20:50 Termine und Trails: Alltagswerkzeuge
  • 00:22:30 Kuratierung und Konsistenz für Builder
  • 00:24:08 Abschluss

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Transcript

Lena Vogel: Hallo und herzlich willkommen zum Produktbriefing! Ich bin Lena Vogel.

Felix Hartmann: Und ich Felix Hartmann. Wie immer geht es heute um neue Produkte, die gerade erschienen sind – und diesmal verbindet sie ziemlich klar ein Thema: KI-Agenten, die aus dem Chatfenster ausbrechen und richtig etwas tun sollen. Anrufen, WhatsApp schreiben, Dashboards bauen, Content veröffentlichen. Und dann gibt es dazu noch eine ganze Reihe kleiner Werkzeuge, die uns den Alltag leichter machen.

Lena Vogel: Genau, wir gehen das wie eine kleine Tour durch, und ich fange direkt an mit dem spannendsten Ausbruchsversuch: Kelam. Die Idee ist so simpel wie konsequent – ein KI-Assistent bekommt eine eigene Telefonnummer. Er kann Anrufe tätigen und annehmen, es gibt ein Live-Transkript während des Gesprächs, und wenn er einen Anruf verpasst oder nicht annimmt, antwortet er per Rückruf. Sprachen sind Englisch, Spanisch und Französisch, und der Einstieg ist kostenlos.

Felix Hartmann: Das ist ein ziemlich großer Sprung, oder? Bisher war so ein Assistent ja ein Textfeld im Browser. Eine Telefonnummer heißt: Der Agent nimmt an der oldest school of communication teil. Und gleichzeitig ist das auch der Punkt, wo ich ehrlich noch sehr viele Fragezeichen habe. Wie zuverlässig sind so Anrufe im Alltag? Ein Telefonat ist ja nicht wie ein Chat, da gibt es Pausen, Unterbrechungen, ungeduldige Menschen auf der anderen Seite.

Felix Hartmann: Wir wissen aus den Beschreibungen nicht, wie das konkret läuft, und ich würde das ausdrücklich als Versprechen lesen, nicht als getestetes Ergebnis.

Lena Vogel: Ja, und ich finde trotzdem, dass man die Richtung ernst nehmen sollte. Chatten kann mittlerweile jedes Modell – telefonieren, das ist eine ganz andere Schnittstelle, mit der echte Welt. Und genau derselbe Gedanke steckt hinter dem zweiten Produkt in diesem Feld: WapiSender. Das ist WhatsApp-Automatisierung, ebenfalls mit KI-Agents, plus visuelle Flows. Und hier gibt es einen offiziellen Claude-Code-MCP-Server. Es gibt eine siebentägige Testversion.

Felix Hartmann: Was WapiSender für mich spannen macht, ist weniger die Automatisierung an sich – WhatsApp-Flows gab es schon vorher – sondern diese MCP-Anbindung. Und damit sind wir eigentlich schon mittendrin in der nächsten Frage: Wenn Agenten überall sein sollen, brauchen sie einen Standard, wie sie an Systeme andocken. Genau darum geht es bei MCP, dem Model Context Protocol.

Lena Vogel: Und da hat sich in den letzten Wochen einiges getan. Das vielleicht konkretistischte Beispiel ist Basedash MCP. Das gibt Write-Zugriff für Charts und Dashboards direkt aus Cursor oder Claude heraus. Konkret vier Tools: create und edit für Charts, create und edit für Dashboards. Und dabei wird das SQL noch validiert – das heißt, wenn der Agent eine Abfrage baut, wird geprüft, ob sie überhaupt stimmt, bevor sie auf echte Daten losgelassen wird.

Felix Hartmann: Genau das ist für mich der interessantere Teil. Es ist nämlich ein qualitativer Unterschied, ob ein Agent nur Daten lesen und daraus ein Bild malen darf – oder ob er tatsächlich Dinge erzeugt und ändert, die dann existieren. Write-Zugriff ist der Schritt vom Assistenten zum Kollegen. Und SQL-Validierung ist die minimale Form von Rückversicherung, die man sich wünscht. Trotzdem: Lass dich nicht hinters Licht führen – Write-Zugriff heißt auch Fehler-Zugriff.

Felix Hartmann: Was der Agent anlegt, kann auch schiefgehen, das sagt der Quellensteller aber ehrlich mit der Validierung an.

Lena Vogel: Ich sehe hier ein echtes Muster: WapiSender hat einen MCP-Server, Basedash bringt MCP für Dashboards, und es kommen weitere. Nämlich Kaiku – das ist ein agenten-nativer Task-Tracker und Wiki. Der ist kompatibel mit einer etablierten Tracker-API, hat einen MCP-Server, und eine Sache, die ich noch nirgends gesehen hatte: Es gibt eine Kostenaufzeichnung pro Issue. Also pro Aufgabe kann man festhalten, was sie – vermutlich in Agent-Zeit oder Agent-Ressourcen – gekostet hat.

Lena Vogel: Und der Export erfolgt als Zip.

Felix Hartmann: Agenten-nativ, das heißt quasi: Es ist von vorneherein darauf gebaut, dass Agenten darin arbeiten, nicht nur Menschen. Die Kompatibilität mit einer bestehenden Tracker-API ist dabei clever, denn das heißt, es ist kein another Silo, sondern es will zum Rest des Stacks passen. Und die Kostenaufzeichnung pro Issue ist ehrlich gesagt eine der Information, die ich am meisten begrüße – weil sie ein Rechnungsprinzip andeutet.

Felix Hartmann: Wir fangen an, die Arbeit von Agenten zu bewerten wie die von Menschen: Was hat die Aufgabe gekostet? Das ist noch jung, aber die Richtung ist klar.

Lena Vogel: Und dann gibt es in diesem MCP-Umfeld noch zwei Produkte, die eher ins Ökosystem gehören als direkt in den Workflow. Einmal Promptic. Das ist eine Optimierungsplattform für generative KI, und dort kann man Modelle, Prompts und Agents auf den eigenen Daten benchmarken. Also nicht: Wie gut ist dieses Modell auf irgendeinem Standard-Benchmark, sondern: Wie gut ist es auf meinen Aufgaben. Dazu gibt es OpenTelemetry-Tracing und MCP für Coding-Agents.

Felix Hartmann: Das ist wichtig, weil es die fehlende Seite der Medaille ist. Wenn Agenten mehr tun, will man auch wissen, ob sie es gut tun. Benchmarks auf eigenen Daten und Tracing, das ist im Grunde das Observability-Problem von Agenten. Noch offen ist, wie gut die Benchmarks wirklich auf eigene Szenarien übertragbar sind – das ist eine offene Frage, die ich hier sehe, nicht etwas, das die Quelle beantwortet.

Lena Vogel: Und dann die letzten beiden in diesem Block, die eher kurativer Natur sind. 10xJoy hat einen KI-Matchmaker namens Joy, der aus Geschäftszielen ein editierbares Brief erstellt und dann vermittelt – an Builder, die per E-Mail geprüft sind. Das ist ein Betatest. Und Bleetz Network geht noch einen Schritt weiter: Dort matchen KI-Agenten Startups mit über 2.000 simulierten VC-Agenten. Wenn ein simulierter VC mit Ja antwortet, bekommt man die Kontaktdaten. Kostenlos, in der Beta.

Felix Hartmann: Simulierte VCs, das ist ein interessantes Konzept und ein riskantes zugleich. Es ist im Grunde ein Trockenlauf vor dem echten Pitch. Was man daraus lernen kann: sehr unterschiedliche, ich sage mal, Sparfüße im Verhalten von Investoren. Was man nicht daraus lernen kann: ob ein echter VC genauso reagiert. Ich würde das als Feedback-Werkzeug lesen, nicht als Vorhersage.

Felix Hartmann: Beide, 10xJoy und Bleetz, sind Beta und beziehungsweise betatest beziehungsweise Beta – das heißt, die Beweislast liegt noch bei den Machern.

Lena Vogel: Und genau von da aus führt der Gedanke ganz natürlich weiter: Wenn Agenten mehr tun und mehr Dinge ansteuern, dann verändert das auch, wie man als Firma überhaupt sichtbar wird. Denn wer entscheidet heute, ob jemand dein Produkt findet? Immer öfter: nicht der Mensch, sondern die Maschine.

Felix Hartmann: Genau, das ist der Sprung ins nächste Thema – agentisches Marketing. Und hier gibt es zwei Produkte, die das sehr unterschiedlich angehen. Das erste ist Howseen AI. Das trackt, ob und wie deine Marke in ChatGPT, Gemini, Perplexity und den AI Overviews erwähnt wird. Es findet also Sichtbarkeitslücken – Themen, Fragen, bei denen deine Marke fehlt, obwohl sie hingehören würde. Und dann veröffentlicht es GEO-Content automatisch.

Felix Hartmann: GEO, das heißt Generative Engine Optimization – im Grunde das, was SEO für Suchmaschinen war, nur eben für die Modelle.

Lena Vogel: Ich muss gestehen, dass mich dieser Punkt am stärksten an mein Weltbild appelliert. Wir haben zehn Jahre damit verbracht, für Google zu optimieren, und jetzt, wo die Antworten von ChatGPT kommen, fängt der ganze Zyklus neu an. Was Howseen verspricht, ist quasi der Blick hinter die Kulissen: Wo erscheine ich, wo nicht, und was kann ich automatisch nachlegen. Das ist attraktiv. Aber ich sehe noch offen, wie man die Wirkung solcher Kanäle überhaupt messbar macht.

Lena Vogel: Es gibt ja keinen点击 und keine Conversion, die man direkt zuordnen könnte. Das ist eine der offenen Fragen, die ich ehrlich gesagt am dringendsten in diesem Feld finde.

Felix Hartmann: Da stimme ich dir zu, und das zweite Produkt in diesem Feld geht von der anderen Seite heran: Quiver GTM. Das ist ein agentic Developer-Marketing-System – quasi ein System, in dem Marketing-Workflows so strukturiert sind, dass Agenten darin arbeiten können. Es gibt eine Source of Truth, Versionierung, Zustandsmaschinen, und eine Content API plus MCP. Man kann es hosted ab 49 Dollar pro Monat nutzen oder selbst hosten, mit MIT-Lizenz.

Lena Vogel: Die self-hosted MIT-Option finde ich bemerkenswert, das ist bei Marketing-Tools selten. Und die Zustandsmaschinen deuten an, dass hier nicht nur generiert wird, sondern dass die Arbeit einen definierten Ablauf hat – von Idee über Draft bis veröffentlicht. Was beide Produkte eint, ist die Prämisse: Maschinen werden zu Marketing-Coworkern. Sie schreiben mit, sie veröffentlichen mit, sie tracken mit. Das klingt nach Zukunft – und tatsächlich ist ein Teil davon schon ziemlich konkret da.

Felix Hartmann: Und auch der Design-Prozess bekommt seine eigenen Maschinen, das führt uns nahtlos weiter. Aber ich will erstmal bei der Kultur bleiben, die diese Tools umgibt. Denn so eine Verzeichnis- und Design-Kultur gibt es ja auch – und die schauen wir uns gleich an. Erst will ich noch über die ganz haptischen Dinge sprechen: Wie nehmen wir eigentlich visuelle Welten wahr? Denn die nächsten Produkte handeln von genau dem.

Lena Vogel: Also, das erste heißt FRCTL. Das ist eine Browser-Engine für Live-Visuals – also für echte Live-Grafiken, wie sie etwa bei Konzerten oder Streams auftauchen. Es gibt über 190 Effekte, sie sind audio-reaktiv, das heißt sie reagieren auf Musik. Es gibt einen Preset-Marktplatz namens Collective. Und kommerziell kostet es ab 12 Dollar pro Monat.

Felix Hartmann: Was ich hier stark finde: Es ist eine Engine, nicht eine Sammlung von Plug-ins. Das heißt, man kann in einem Browser visuelle Systeme bauen, die auf Sound reagieren. Das ist eine überraschend unbekannte Ecke, und FRCTL macht sie zugänglich. Der Preis ist moderat, aber eben Abo, nicht Kauf.

Lena Vogel: Und auf der anderen Seite des Spektrums steht PixVerse R2. Das ist ein Echtzeit-Weltmodell, das fortlaufende AV-Welten generiert. Als Input kann man Text, Bild, Audio und auch Actions nutzen – also was gerade passiert. Und es gibt ein Sitzungsgedächtnis, das heißt die Welt, die gerade erzeugt wird, bleibt über die Sitzung hinweg konsistent.

Felix Hartmann: Das ist ein fundamentaler Unterschied zu FRCTL, und ich will den klar machen. FRCTL gibt dir einen Baukasten aus fertigen Effekten – du kombinierst. PixVerse R2 generiert die Welt selbst, und zwar in Echtzeit, mit Gedächtnis. Das ist der Sprung vom Effekt-Baukasten zur persistenten Welt. Was noch offen ist: die Rechenlast und die Anwendungsreife. Ein Weltmodell in Echtzeit klingt verdammt nach viel GPU – wie das in der Praxis läuft, das ist aus der Beschreibung nicht ersichtlich.

Felix Hartmann: Das ist der Punkt, wo ich die Claims noch nicht als Ergebnisse lesen würde.

Lena Vogel: Genau. Und von generierten Welten zurück in die ganz konkrete Realität – nämlich in den Alltag, wo Meetings passieren und Screens gezeigt werden. Hier gibt es zwei kleine Tools, die beide einen echten Datenschutz-Fokus haben. Das erste ist Kairn, eine iPhone-App, aktuell in der TestFlight-Beta. Sie wandelt Meetings in Kontakte, Aufgaben und Termine um. Und der Punkt, den ich am meisten schätze: Nichts wird ohne manuelle Freigabe gespeichert.

Lena Vogel: Du checkst erst, was übernommen wird, bevor es in deine Kontakte oder Kalender wandert.

Felix Hartmann: Das ist eine der Lösungen, die ich mir bei KI-Tools generell wünsche. Das Problem ist ja real – nach jedem Meeting hat man drei To-dos, zwei neue Kontakte und einen Termin, und die alle manuell einzutragen ist mühsam. Kairn verspricht, das zu automatisieren, aber mit dem Menschen als letzter Instanz. Wichtig zu sagen: Es ist Beta, und die Aussage, dass es die Meetings automatisch versteht, ist eine Claim der Macher, kein getestetes Ergebnis.

Lena Vogel: Und der zweite in diesem Paar ist Kapshot. Das ist ein Screenrecorder für macOS, und der hat ein paar Details, die zeigen, dass jemand nachgedacht hat. Es gibt Auto-Zoom bei Klicks – also wenn du irgendwo hinklickst, zoomt das Video da hin. Cursor-Glättung, MP4-Export. Es kostet 19 Dollar, einmalig. Es läuft lokal, und es macht 60fps.

Felix Hartmann: Einmalig 19 Dollar statt Abo, das ist bei Screenrecordern – wo viele andere monatlich kassieren – eine echte Abgrenzung. Und lokal heißt auch: Dein Screen-Aufnahme-Material verlässt deinen Rechner nicht über irgendeinen Cloud-Dienst. Das passt gut zu Kairn – beide sind Tools für alltägliche micro-Aufgaben, und beide legen explizit Wert darauf, dass die Kontrolle beim Nutzer bleibt.

Lena Vogel: Von der Aufnahme zurück zum Betrachten – denn der nächste Block handelt von Dingen, die man sich im Browser anschaut. Zuerst Squints, das ist ein kostenloses Chrome-Tool für Design-Inspektion auf Live-Webseiten. Man kann Ruler, Guides und ein Grid einblenden, es gibt einen Color-Picker und – das ist das Detail, das mich am meisten überrascht hat – Animations-Scrubbing. Das heißt, man kann eine Animation auf der Webseite manuell durchspulen, Bild für Bild, um zu verstehen, wie sie aufgebaut ist.

Lena Vogel: Und das alles ohne Account.

Felix Hartmann: Das ist für Designer richtig nützlich, denn der Schritt von der Inspiration zur Umsetzung ist ja oft: Wie hast du das gemacht? Und mit Animations-Scrubbing kann man das quasi rückwärts auseinandernehmen, live auf einer echten Webseite. Ohne Account heißt auch: Kein Onboarding, keine Daten, einfach loslegen.

Lena Vogel: Und aus derselben Ecke – kleine, eigenwillige Web-Tools – kommt unser zweites Produkt in diesem Block: DEV·TV. Das ist ein Retro-TV mit zehn Live-Kanälen, und die Kanäle sind zum Teil Entwickler-Quellen: GitHub, Hacker News, DEV, Hugging Face. Das Ganze ist eine einzige HTML-Datei, MIT-Lizenz, kein Backend, und ausdrücklich ohne AI-Summary. Das find ich als Detail beinahe charmant.

Felix Hartmann: Das ist fast schon ein Statement. In einer Zeit, wo alles von KI zusammengefasst wird, sagt ein Tool explizit: Nein, wir zeigen dir den Originalstrom, ohne Verdauung. Eine HTML-Datei und kein Backend heißt auch: Es gibt keinen Server, der ausfallen könnte, keine Daten, die gesammelt werden. Das ist Selbstbestimmung in einer sehr kleinen, sehr konkreten Form. Und Selbstbestimmung heißt auch: Datenschutz – und da wird es gleich spannender und etwas heikler.

Lena Vogel: Genau, und der heikelste Ort ist der Browser. Es gibt zwei Produkte, die dort mit sensiblen Daten arbeiten, und ich will sie nebeneinander zeigen, weil sie ein gemeinsames Muster aufweisen. Das erste ist Fit Receipt – dahinter steckt eine Firma namens NUDE aus Taiwan. Das ist eine virtuelle Anprobe für Dessous. Es gibt ein JEV-Judgement-Modell und sogenannte Confidence-Receipts, also Quittungen, die angeben, wie sicher das Modell bei seiner Einschätzung ist.

Lena Vogel: Und der entscheidende Punkt: Die Fotos bleiben im Browser.

Felix Hartmann: Das ist eine der sensibelsten Anwendungen, die man sich vorstellen kann – Dessous-Fotos. Und die Behauptung, dass die im Browser bleiben, also nicht auf einen Server hochgeladen werden, ist genau die Antwort, die man darauf braucht. Aber ich will hier präzise sein: Aus der Beschreibung geht nicht hervor, wie dieses im Browser technisch abgesichert ist. Das ist eine offene Frage, die ich ernst nehme und die man als Nutzer prüfen müsste, bevor man sich darauf verlässt.

Felix Hartmann: Die Confidence-Receipts sind dabei ein interessanter Ansatz – das Modell sagt nicht nur ja oder nein, sondern auch, wie sicher es ist. Das ist mehr Transparenz, als viele andere Modelle zeigen.

Lena Vogel: Und das zweite ist Pair2FA. Das erlaubt, TOTP-2FA-Codes im Team sicher zu teilen. Es gibt Viewer- und Admin-Rollen, und die Codes werden live angezeigt und können kopiert werden. Kostenlos für zwei Nutzer und drei Accounts.

Felix Hartmann: 2FA-Codes teilen ist ein echtes Problem – viele Teams müssen auf gemeinsame Accounts zugreifen, die zweistufig abgesichert sind, und die übliche Lösung ist, den Seed in einem Passwort-Manager oder, schlimmer, in einem Chat zu hinterlegen. Pair2FA ist ein controlled Sharing mit Rollen. Das ist sauberer als ein Code in einer Gruppe, und es ist kostenlos für kleine Teams, was einen niedrigen Einstieg schafft.

Lena Vogel: Beide Produkte folgen demselben Muster: Sensible Daten werden entweder im Browser verarbeitet oder kontrolliert geteilt, statt in irgendeine Cloud zu wandern. Und von dort aus ist der nächste Schritt logisch: KI-Hilfe, die gar keine Cloud braucht, und gleichzeitig Bot-Abwehr, die das Sichtbare sichtbar macht.

Felix Hartmann: Das erste in diesem Paar ist ShroomPen. Das ist eine Privacy-first Browser-Extension, die Reply, Rewrite, Grammatik und Übersetzung direkt im Eingabefeld macht – und zwar vollständig on-device, keine Cloud. Das heißt, wenn du eine Antwort formulierst oder einen Text umschreibst, passiert das komplett auf deinem Rechner.

Lena Vogel: Und ich finde, das ist eine direkte Antwort auf eine echte Frage: Immer mehr Menschen wollen KI-Hilfe beim Schreiben, aber wollen nicht, dass jeder Entwurf an einen Server geht. ShroomPen sagt: Du bekommst die Hilfe, aber die Cloud bleibt draußen. Ob die on-device-Qualität der großen Cloud-Modelle nahekommt, das ist natürlich eine andere Frage – aus der Beschreibung geht das nicht hervor. Aber der Datenschutz-Verspruch ist eindeutig und klar.

Felix Hartmann: Und das Gegenstück ist WebDecoy for Vercel. Das liest Log Drains, prüft Crawler-IPs gegen offizielle Ranges und meldet gefälschte User-Agents. Also: Wenn ein Bot vorgibt, ein bestimmter Crawler zu sein, aber seine IP nicht aus dem offiziellen Bereich kommt, dann wird das sichtbar gemacht. Und wichtig: Es ist nur Monitoring – es blockiert nichts, es zeigt nur.

Lena Vogel: Das nur-Monitoring finde ich bemerkenswert, denn es verhindert die klassische Falle, bei der ein Tool versehentlich legitime Crawler aussperrt. WebDecoy zeigt dir den Verdacht, du entscheidest. Und was beide Produkte zusammenbringt, ist die Grundhaltung: Daten bleiben beim Nutzer, beziehungsweise Angriffe werden sichtbar, statt versteckt zu bleiben. Das ist eine Art digitale Selbstverteidigung auf Software-Ebene.

Lena Vogel: Aber es geht nicht nur um Software – auch Hardware verändert gerade, wie wir rechnen.

Felix Hartmann: Genau, und der größte Name in diesem Rundflug ist da Meta. Die haben VR-Brillen angekündigt, die ungefähr 100 Gramm wiegen. Sie haben 5K micro-OLED Displays, und das Rechnen übernimmt ein Compute-Puck, den man in die Tasche steckt. Der Launch ist für Frühjahr 2027 angekündigt, der Preis 1.299,99 Dollar.

Lena Vogel: Hundert Gramm, das ist ein Ziel, das man sich vorstellen muss: Das ist ungefähr das Gewicht einer normalen Brille plus etwas. Die meisten heutigen VR-Headsets liegen bei mehreren hundert Gramm, und genau daran scheitert die Alltagstauglichkeit oft – nicht am Display, sondern am Nacken. Der Trick hier ist die Trennung: Die Brille wird leicht, weil die Rechenleistung ausgelagert wird in einen Puck. Das ist ein Design-Kompromiss, der mir sinnvoll erscheint.

Felix Hartmann: Aber ich will die offenen Fragen nicht unter den Teppich kehren. Was ist mit der Batterielaufzeit? Was ist mit dem App-Ökosystem? Und wie viel wiegt das Ganze real, inklusive Kabel und Puck? Hundert Gramm für die Brille allein ist ein anderer Satz als hundertzehn Gramm Gesamtlast mit einem Puck in der Tasche und einem Kabel am Kopf. Diese Antworten stehen noch aus, und ich würde die Ankündigung deshalb als Absicht lesen, nicht als fertiges Produkt.

Lena Vogel: Und von der XR-Hardware zurück zur Software, und zwar zu einer Idee, die das Bauchen selbst verändert: Wand. Das ist ein Voice-first Software-Bauwerkzeug. Man gibt Ideen per Sprache ein statt per Tastatur, und das Handy dient als Mikrofon. Und das Product selbst, so die Behauptung der Macher, wurde angeblich meist ohne Tastatur gebaut. Es ist in der Beta.

Felix Hartmann: Das ist eine der radikalsten Behauptungen in diesem ganzen Rundflug, weil sie das eigentliche Tor zur Software-Entwicklung angreift. Tastatur ist heute der Filter – wer nicht tippen kann, baut keine Software. Wenn Sprache der primäre Baustoff wird, dann ändert das, wer überhaupt bauen kann. Das Potenzial ist groß. Aber es ist eine Beta, und die Frage nach der Qualität und den Grenzen reiner Sprach-Entwicklung ist offen.

Felix Hartmann: Ein komplexes Datenbankschema per Sprache bauen – das klingt im Demo ansprechend und im Alltag vermutlich mühsam. Ich würde das als spannendes Experiment lesen, nicht als fertige Antwort.

Lena Vogel: Und wenn wir schon bei Experimenten sind, die die Entwicklung verändern: Es gibt auch einen Ansatz für die Qualitätssicherung. Das heißt Jango, und das testet Multi-User-Apps mit KI-Teilnehmern. Jeder dieser künstlichen Tester hat einen eigenen Browser, einen eigenen Account, ein eigenes Ziel und ein eigenes Gedächtnis. Am Ende bekommt man einen Bericht mit Fehlern und Screenshots. Es läuft auf macOS.

Felix Hartmann: Das löst ein Problem, das bei Multiplayer-Apps besonders schmerzhaft ist: Man braucht mehrere echte Menschen gleichzeitig, die verschiedene Rollen spielen, um einen Ablauf zu testen. Jango simuliert das. Wichtig zu sagen: Wie realistisch diese simulierten Nutzer Verhalten abbilden – das ist offen. Sie können die Maschine testen, aber ob sie menschliche Dummheit, Ungeduld oder Kreativität abbilden, das ist eine andere Frage. Es ist ein Werkzeug, kein Ersatz für echte Tests.

Lena Vogel: Von der großen Test-Infrastruktur zurück zu zwei Alltagswerkzeugen, die genau ein Problem je lösen. Das erste ist Donna. Aus einem Buchungslink macht Donna eine Kette mehrerer Meetings, und diese Kette folgt Regeln: Es gibt Puffer, es gibt Freischaltungen, und es gibt zum Beispiel die Regel, dass abgesagte Termine automatisch von jemand anderem aufgefüllt werden. Es kostet 6 Dollar pro User und Monat.

Felix Hartmann: Das ist ein hübscher Lösungssatz, denn ein normaler Buchungslink, den man kennt, zeigt ja nur einen Kalender und freie Slots. Donna denkt in Abläufen: Erst Termin A, dann Termine B und C, mit Puffer dazwischen. Und die Absagen-Auffüllregel ist wirklich praktisch – wer einmal einen Workshop organisiert hat, weiß, wie viel Zeit in der Nachverfolgung von Absagen verschwindet.

Lena Vogel: Und das zweite ist Kliva, und das ist kostenlos. Es bündelt über 31.000 Trail- und Ultra-Rennen. Es gibt Segment-Pacing, also wie schnell man auf welchen Abschnitten laufen sollte. Es gibt Fueling-Empfehlungen mit echten Produkten – also nicht abstrakte Kalorien, sondern konkret, welches Gel und wann. Es gibt Cutoff-Puffer, und es gibt ein Garmin-Connect-IQ-Feld, das heißt es zeigt sich auf der Garmin-Uhr.

Felix Hartmann: Für Trail- und Ultra-Läufer ist das in der Tat eine echt nützliche Sammlung, und die Tatsache, dass es gratis ist, macht es zu einem starken Angebot in seiner Nische. Was beide Produkte, Donna und Kliva, eint, ist das Prinzip: Spezialisierte Tools lösen je ein Alltagsproblem sauber, ohne eine ganze Plattform sein zu wollen. Und das ist ein guter Punkt, um zur Kuratierung überzugehen, denn genau um Orientierung im Tool-Dschungel geht es beim letzten Paar.

Lena Vogel: Ja, und hier schließt sich der Kreis zum Anfang, denn das erste der beiden heißt Designeer. Das ist ein kuratiertes Verzeichnis für Builder – also für Menschen, die Produkte bauen. Dort gibt es Design-Inspiration, Komponenten, KI-Tools, Coding-Agents, MCP-Server und Creator an einem Ort. Quasi ein Gesamtregister für die Werkzeuge, über die wir heute gesprochen haben.

Felix Hartmann: Ich finde es bemerkenswert, dass es inzwischen ein eigenes Verzeichnis nur für MCP-Server gibt – das zeigt, wie schnell dieser Standard angenommen wird. Und der Blick über den Tellerrand: Kuratierung ist eine Antwort auf ein echtes Problem, denn in einer Zeit, wo jeden Tag zwanzig neue Tools erscheinen, ist Orientierung selbst ein Produkt.

Lena Vogel: Und das zweite in diesem Block ist Once UI 2.0. Das ist ein Open-Source-Designsystem für konsistente React-Apps. Und das Interessante daran ist nicht nur das Designsystem selbst, sondern dass es kompakte Regeln und Task-Guides für Coding-Agenten mitliefert. Das heißt, der Agent, der deine App baut, bekommt nicht nur Komponenten, sondern auch Anweisungen, wie er sie konsistent einsetzen soll.

Felix Hartmann: Das ist eine clevere Adaption, denn Designsysteme waren bisher für Menschen geschrieben. Wenn jetzt Agenten bauen, braucht man Regeln, die Agenten verstehen. Und genau das ist der logische Endpunkt unseres Rundflugs – wir haben heute gesehen, wie Agenten ans Telefon gehen, wie sie Dashboards bauen, wie sie Marketing betreiben, wie sie Welten generieren, wie sie Tests machen und wie sie letztlich sogar Software selbst bauen.

Felix Hartmann: Und überall ist dasselbe Muster: Ein Standard – in diesem Fall MCP – verbindet die Werkzeuge.

Lena Vogel: Genau so ist es. Und damit sind wir am Ende unseres Rundflugs, von den Agenten am Telefon bis zum Trail-Renner in den Bergen. Danke, dass du dabei warst, Felix.

Felix Hartmann: Danke, Lena. Und danke euch da draußen – bis beim nächsten Briefing!