0916 | Tech kompakt: KI, Reverse-Engineering und die Woche der Entdeckungen

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Von KI-Chips und Sprachagenten über Maschinencode-Reverse-Engineering bis zu Datenschutzskandalen, Open-Source-Systemen und einem E-Ink-Bastelprojekt: Wir gehen durch die tech-News der Woche, stellen Fragen und verbinden die Punkte. Was ist neu, warum ist es wichtig und was kommt als Nächstes?

Zeitleiste

  • 00:00:04 Einleitung
  • 00:00:22 KI im Jahr der Inferenz: Agenten, schnelle Antworten und Sprachmodelle
  • 00:03:28 KI baut, KI kauft: GPU-Treiber in einem Monat und 3D für CAD
  • 00:06:41 Datendiebstahl und Massenüberwachung: Führerscheine im Darknet
  • 00:09:21 Bahn, Webarchiv und digitale Resilienz: Wenn Systeme gestört werden
  • 00:11:31 Selbst bauen: Dateisysteme, Linux von Grund auf und ein alter Beweis
  • 00:14:10 DIY-Geräte: Hotspot-Linux, Vogel-E-Ink und Off-Desktop-Apps
  • 00:16:34 CSS-Tricks, firefox.com und das Ende der Werkzeuge
  • 00:18:47 Kurioses: Ein Buch wird zerschnitten, eine Welt entdeckt
  • 00:20:48 Abschluss

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Transcript

Lena Vogel: Willkommen zurück beim Hacker News Podcast, ich bin Lena Vogel.

Felix Hartmann: Und ich Felix Hartmann. Heute geht es um KI, die auf einmal überall anfasst — von Chips bis zu den Treibern darunter, um Datendiebstahl in dunklen Ecken des Netzes, um zerstörte Infrastruktur und um Leute, die sich ihre Systeme einfach selbst bauen.

Lena Vogel: Fangen wir mit der großen Klammer: 2026 als Jahr der Inferenz. IEEE Spectrum schreibt, dass es nicht mehr ums Trainieren geht — Reasoning-Modelle und Agenten vervielfachen die Nachfrage nach Rechenleistung und zwingen Chip- und Speicherhersteller komplett umzudenken. Und das hat Konsequenzen bis runter in die Architektur, weil Modelle nicht mehr nur eine Frage beantworten, sondern tausend Zwischenschritte denken.

Felix Hartmann: Genau, und was mich an dem Bericht fasziniert: Die Diskussion dreht sich nicht mehr nur um schnellere GPUs. Es geht um Speicher, um Bandbreite, um die Frage, ob man die Chip-Entwürfe überhaupt noch auf klassische Trainingsläufe zuschneiden kann. Ein Kommentator hat das schön auf den Punkt gebracht — Agenten sind wie Arbeiter, die rund um die Uhr denken, und die Fabriken müssen auf Schichtbetrieb umstellen. Das ist eine echt andere Belastung als ein Trainingslauf, der einmal durchläuft.

Lena Vogel: Und auf dieser schnellen Inferenz-Schicht bauen Leute wie Diogo Almeida auf. Der war bei OpenAI und hat TypeSafe AI gegründet, mit zwei Modellen namens „System One“ und Jev. Die versprechen strukturierte, typisierte Ausgaben in 70 bis 500 Millisekunden — und ohne Halluzination.

Felix Hartmann: Das ist ein gewagtes Versprechen, das muss man ja sagen. Halluzination-frei ist so eine Sache, bei der man immer fragt: gemessen wie, auf welcher Verteilung von Aufgaben? Aber das Design ist interessant: Sie machen im Prinzip das, was Agenten im Kleinen ständig brauchen — zuverlässige, maschinenlesbare Antworten. Kein Prosa-Text, sondern Daten, die man direkt in ein Programm stecken kann. Wenn Agenten hunderte solcher Calls pro Task machen, zählt jede Millisekunde.

Lena Vogel: Und Google spielt in der gleichen Liga, nur nach oben gespielt: Gemini 3.8 Live und 3.8 Live Extended Thinking. Natürlicher Sprachdialog, Parallel-Reasoning, also mehrere Gedankengänge gleichzeitig, und Aufgaben, die im Hintergrund weiterlaufen, während man woanders ist.

Felix Hartmann: Was mich da beschäftigt: Was heißt „Parallel-Reasoning“ konkret? Ist das wirklich zwei Denkpfade, die sich gegenseitig korrigieren, oder eher Marketing für „wir packen mehr Kontext rein“? Die Quelle sagt es nicht eindeutig. Und der Dialog-Teil — mit Low-Latency-Sprache verändert sich die Art, wie man mit dem Modell arbeitet. Es wird nicht mehr Chat, sondern Unterhaltung. Das stellt auch Anforderungen an die Server, das muss ja alles in Echtzeit passieren.

Lena Vogel: Was dazu passt, und das war eigentlich die Frage, die ich mir beim Lesen gestellt habe: Braucht das alles komplett neue Hardware? Oder reicht die Infrastruktur, die da ist, wenn man sie nur anders organisiert?

Felix Hartmann: Ich glaube, dieIEEE-Spectrum-Position ist eher: Es reicht nicht. Der Nachfrage-Druck durch Agenten, die in Schleifen denken und dann wieder anfragen, ist eine andere Last als einmaliges Training. Speicher wird zum Engpass, nicht nur Rechenkerne. Aber ob die Hersteller darauf mit ganz neuen Architekturen reagieren oder mit Iteration auf dem Bestehenden — das ist offen.

Felix Hartmann: Und was die Modelle von TypeSafe angeht: 70 Millisekunden für eine typisierte Antwort, das klingt nach einer sehr spezialisierten Architektur, nicht nach einem allgemeinen Sprachmodell. Das ist eher eine schnelle Schicht unter den großen Agenten.

Lena Vogel: Überleitung hin zu etwas ganz Konkretem: Wer Agenten baut, braucht Reserven. Aber manche Leute bauen auch einfach Dinge, die es offiziell gar nicht gibt. Und da gibt es diese Woche eine Geschichte, die ich wirklich gut fand.

Felix Hartmann: Cody Ho und Niklas haben in ungefähr einem Monat einen OpenGL-ES-3.0-Treiber für die GPU des M4 Mac Mini geschrieben. Per Reverse-Engineering, mit KI-Unterstützung. Und Minecraft läuft damit mit 200 fps.

Lena Vogel: Ein Monat. Ein Treiber. Für eine Apple-GPU, die nicht dafür gedacht war, außerhalb des Apple-Ökosystems benutzt zu werden.

Felix Hartmann: Das ist wirklich die Story hier. Es geht nicht um „der Treiber ist jetzt produktionsreif“ — es geht darum, dass die Arbeit, die früher ein Team über Jahre gebraucht hätte, plötzlich von zwei Leuten mit KI-Werkzeugen in Wochen geschafft wird. Reverse-Engineering von Registern, Shader-Compiler-Verhalten, Command-Buffer-Formaten — das ist handwerklich brutal mühsam, und die KI beschleunigt das Suchen und Lesen. Die Frage ist nicht mehr „kann man das machen“, sondern „wer macht das nicht mehr“.

Lena Vogel: In eine ähnliche Richtung geht Cartesian von Formas: Man gibt Text, ein Foto oder eine Skizze rein, und heraus kommen editierbare 3D-Modelle — NURBS und Solidi, exportierbar als 3DM oder STL. Also nicht irgendwelche Meshes, die man in Blender neu aufbauen muss, sondern Geometrie, die tatsächlich in CAD und Architektur funktioniert.

Felix Hartmann: Das ist ein relevanter Unterschied. Text-to-3D gibt es schon länger, aber die Ergebnisse waren meist visueller Müll für Präsentationen. Wenn das wirklich präzise und editierbar ist, landet es im workflow eines Ingenieurs, nicht nur auf einem Moodboard. Und die Frage, die man stellen muss: Wie exact ist „präzise“? Bei NURBS geht es um Toleranzen, um Fertigungsgeeignetheit. Das ist ein viel härteres Versprechen als „sieht ungefähr richtig aus“.

Lena Vogel: Und dann die andere Richtung: OpenAI kauft Glass Imaging für über 300 Millionen Dollar. Die Firma wurde von Leuten gegründet, die am Portrait Mode von Apple gearbeitet haben. Die Richtung scheint eigene Hardware zu sein.

Felix Hartmann: Über 300 Millionen für eine Bildverarbeitungs-Firma ist eine klare Ansage. Das passt in das Bild, das wir vorhin hatten: KI drückt nach unten in die Software — Treiber, Werkzeuge, Direct-to-Hardware — und nach oben ins Hardwaregeschäft. Wer Kontrolle über den ganzen Stack will, kauft sich die Bildverarbeitung. Was unklar ist: die Übernahmebedingungen. Wird das Team integriert, gibt es ein eigenes Gerät, geht es um Lizenzen? Die Quelle sagt dazu nichts.

Lena Vogel: Was aber offen gelegt wurde: Rheinmetall hat die Dokumentation der On-Board-API „Battlesuite“ als Open Source veröffentlicht, auf Basis von DDS/XTypes, unter EPL 2.0 beziehungsweise EULA.

Felix Hartmann: Das ist ein interessanter Kontrast. Da kauft jemand für 300 Millionen ein, und woanders veröffentlicht ein Rüstungskonzern seine API-Dokumentation offen. Es zeigt, dass „offen“ und „geschlossen“ nicht nach Industrie zugeordnet sind, sondern nach Geschäftsmodell. Und DDS/XTypes als Basis ist keine triviale Wahl — das ist ein Standard für verteilte Systeme mit Echtzeit-Anforderungen.

Lena Vogel: Aber bleiben wir nicht zu lange bei der schönen Ordnung. Denn es gibt auch die Seite, wo Dinge verschwinden, die man eigentlich sicher glaubte.

Felix Hartmann: Ein Dark-Web-Dienst namens „Nexus“ hat 153 Millionen Führerscheindaten aus den USA und Kanada verkauft. Die Daten stammen aus dem Hack von IDScan. Und laut Bericht ist das nicht nur ein Datenschutzproblem — es wird als Sicherheitsrisiko auf nationaler Ebene eingeordnet.

Lena Vogel: 153 Millionen. Das ist grob die Hälfte der Bevölkerung der beiden Länder zusammen. Und es geht nicht um Passwörter, die man zurücksetzen kann. Das sind Daten mit Namen, Adressen, Ausweisnummern — Dinge, die man nicht einfach ändert.

Felix Hartmann: Genau. Und die Diskussion läuft immer in dieselbe Richtung: Was können Betroffene überhaupt tun? Identity-Freeze, Monitoring, aber die Daten selbst sind draußen und bleiben draußen. Die Frage, die offen bleibt, ist, ob das irgendwelche regulatorischen Konsequenzen hat — ob Firmen wie IDScan nach so einem Vorfall verpflichtet werden, ihre Datenspeicherung grundsätzlich anders zu bauen. Bisher sieht das nach „Hack passiert, weiter“ aus.

Lena Vogel: Und Bruce Schneier und Cindy Cohn haben dazu einen Essay auf Lawfare geschrieben: 25 Jahre nach 9/11 ist Massenüberwachung nicht mehr im Anti-Terror-Kontext gefangen, sondern längst in polizeilicher und kommerzieller Routine angekommen.

Felix Hartmann: Der Punkt ist, dass die Werkzeuge, die damals mit „nur gegen Terror“ verkauft wurden, heute für alltägliches Polizeiarbeit und für kommerzielle Datensammlung benutzt werden. Das ist keine Verschwörung, das ist einfach, wie solche Systeme funktionieren — sie werden für einen Zweck gebaut und dann breiten sie sich aus. Und wenn man das neben die 153 Millionen Führerscheine legt, sieht man: Der Datenmarkt, den staatliche Überwachung füttert, ist derselbe Markt, in den gehackte Daten fließen.

Felix Hartmann: Es gibt nicht „gute“ und „schlechte“ Datensammlung — es gibt Datensammlung, und sie hat Konsequenzen.

Lena Vogel: Und da gehört auch die Geschichte von Baseten dazu, die Strix gehört hat: Einem Sicherheitsteam ist es in 25 Minuten gelungen, über eine öffentlich verfügbare Docker-Image Admin-Zugriff auf den GitHub-Token der Firma zu bekommen.

Felix Hartmann: 25 Minuten für Admin. Das ist brutal. Und was interessant ist, ist die Reaktion: Baseten hat das schnell gefixt. Anerkennung dafür. Aber die Belohnung war — T-Shirts. Also das klassische Problem: Man findet eine echte, ernsthafte Schwachstelle und bekommt Merchandise. Das führt auf Dauer dazu, dass Leute solche Funde lieber woanders melden, wo die Programme seriöser dotiert sind.

Lena Vogel: Es zeigt auch: Wer seine digitalen Dinge nicht aktiv schützt, verliert sie irgendwann ganz. Und jetzt gehen wir von gestohlenen Daten zu gestörten Systemen.

Felix Hartmann: In den Niederlanden gibt es einen vermuteten Sabotagefall an den Bahnstrecken. An mehreren Stellen wurden Rohre verbaut — mindestens 15 Störungen sind dadurch entstanden. ProRail sagt, das sei absichtlich menschliches Handeln gewesen, und die Polizei ermittelt.

Lena Vogel: Was unklar bleibt: das Motiv. Es gibt keine Bekennung, keine klare Erklärung, warum jemand das machen würde. Und das macht es beunruhigender, nicht weniger — weil man nicht weiß, ob es ein Einzelfall ist oder der Anfang von etwas.

Felix Hartmann: Genau. Und die Parallele im Netz ist die Wayback Machine. Die wird gerade von massivem automatisiertem Traffic erdrückt, die Blockaden mit 429-Statuscodes treffen aber auch echte Nutzer, die einfach eine alte Seite aufrufen wollen. Das Internet Archive bittet Leute, Fehler zu melden.

Lena Vogel: Also zwei Systeme, die beide unter Last oder unter Angriff stehen — einmal physisch, einmal digital. Und in beiden Fällen ist die Frage: Was kommt als Nächstes? Bei ProRail: mehr Prävention, mehr Überwachung der Strecken? Bei der Wayback Machine: bessere Protokolle gegen Crawler, oder mehr Kapazität, oder beides?

Felix Hartmann: Der gemeinsame Nenner ist: Kritische Infrastruktur ist angreifbar. Ob das Bahnschienen sind oder ein Webarchiv, das 30 Jahre Internetgeschichte festhält — beides ist für uns wichtig und beides ist leichter zu stören, als wir gerne glauben würden. Und bei der Wayback Machine ist die Ironie besonders bitter: Es sind automatisierte Crawler, die die Archive lahmlegen — also die Maschinen, die eigentlich helfen sollen, das Netz zu katalogisieren, werden zur Last.

Lena Vogel: Und das passt zu einem norwegischen Bericht, der eigentlich von etwas ganz anderem handelt: Die Forbrukerrådet, die norwegische Verbraucherbehörde, stellt fest, dass Produkte immer kürzer gehalten werden und fordert eine Politik, die Qualität und Kreislaufwirtschaft zur Norm macht.

Felix Hartmann: Der Bericht ist über physische Produkte, also Waschmaschinen und Handys. Aber die Logik passt auch auf digitale Infrastruktur: Auch Webarchive, auch Bahn-Systeme — sie werden auf Dauer gebaut oder eben nicht. Und wenn alle sparen, haben wir am Ende keine Reserven mehr, wenn etwas passiert. Das ist eine schöne Überleitung zu den Leuten, die sich ihre Sachen eben selbst bauen.

Lena Vogel: Da sind wir. Fangen wir mit Ori Bernstein an, der GEFS nach OpenBSD portiert hat. GEFS ist ein Copy-on-Write-Dateisystem mit Snapshots, ursprünglich aus 9front.

Felix Hartmann: Copy-on-Write mit Snapshots ist ein bewährtes Konzept — man schreibt nie über alte Daten, sondern legt neue Kopien an. ZFS hat das populär gemacht. GEFS bringt das in die OpenBSD-Welt, wo es sowas bisher nicht nativ gab. Und die Warnung ist ehrlich: Das ist eine erste Vorschau, und man muss mit Datenverlust rechnen.

Lena Vogel: Was ich gut finde: Das wird nicht als fertig verkauft. Es ist eine Einladung zum Mitmachen, zum Testen, zum Verbessern. Das ist Graswurzel-Engineering im besten Sinne.

Felix Hartmann: Und in die gleiche Kategorie gehört Linux From Scratch 13.1, das im September 2026 erschienen ist. Das Projekt gibt Schritt für Schritt Anleitungen, wie man ein komplettes Linux-System aus dem Quellcode baut. Also nicht „nimm eine Distri“, sondern: kompiliere jeden Bestandteil selbst.

Lena Vogel: Was man dabei lernt, ist nicht das fertige System — es ist das Verständnis, wie alles zusammenhängt. Und das ist genau das, was man braucht, wenn etwas schiefgeht.

Felix Hartmann: Dann das praktische Thema: Nach dem MinIO-Debakel hat rmoff Single-Node-S3-Alternativen getestet. S3Proxy, RustFS, SeaweedFS, Garage, Ozone, Ceph — alle in Docker und Compose. Also für Leute, die einen S3-Endpunkt brauchen, aber keinen Cloud-Anbieter mieten wollen.

Lena Vogel: Der Hintergrund ist, dass MinIO — jahrelang der Standard für self-hosted S3 — seine Community-Strategie aufgegeben hat. Und plötzlich mussten alle überlegen: Was nehmen wir stattdessen? Die Auswahl ist groß, und jedes hat andere Stärken. Garage ist leichtgewichtig, SeaweedFS skaliert, Ceph ist der große alte Kerl. Die richtige Antwort hängt immer vom Anwendungsfall ab.

Felix Hartmann: Und dann noch als Akzent etwas ganz anderes: Coester, Koutsoupias und Zbysiński haben die k-Server-Vermutung bewiesen. Lange offenes Problem der theoretischen Informatik, der Beweis nutzt einen Work-Function-Algorithmus, veröffentlicht auf ArXiv als 2609.15979.

Lena Vogel: Das k-Server-Problem ist klassisch: Wie bewegt man k Server in einem Netzwerk effizient, wenn Anfragen kommen, deren Reihenfolge man nicht kennt? Die Vermutung besagte, dass ein bestimmter Algorithmus immer die optimale Wettbewerbsratio erreicht. Und dass das jetzt nach Jahrzehnten bewiesen ist, ist eine wirklich schöne Sache. Es zeigt auch: In der Grundlagenforschung passiert noch viel, auch wenn es nicht nach Schlagzeilen riecht.

Felix Hartmann: Und der rote Faden durch alle diese Themen ist: Auch E-Ink-Bastler bauen alles selbst. Und damit sind wir beim nächsten Thema.

Lena Vogel: Ein 20-Dollar-4G-Hotspot, das Modell MF800, ein Clicks-Keyboard und ein SHARP-Display. Zusammen mit dem Projekt openstick wird das zu einem Linux-Messaging-Gerät.

Felix Hartmann: Also im Grunde: Man nimmt einen billigen Hotspot, der eigentlich nur Internet ausstrahlen soll, und weil da ein Linux drin steckt, kann man ihn in ein Gerät verwandeln, das Nachrichten empfangen und senden kann. Mit einer physischen Tastatur und einem kleinen Display. Für ungefähr das Geld von zwei Kaffees.

Lena Vogel: Das schöne daran ist: Es ist unabhängig von großen Plattformen. Kein App Store, kein Abo, kein Herstellerrisiko. Wenn der Hersteller morgen dichtmacht, läuft dein Gerät trotzdem.

Felix Hartmann: Und das gleiche Prinzip bei Fugleramme: Ein E-Ink-Rahmen auf einem Raspberry Pi, der über BirdNET-Go Vögel akustisch erkennt und sie dann im Stil von Illustrationen aus den 1800ern zeichnet. Alles komplett lokal, keine Cloud.

Lena Vogel: Also ein Mikrofon hört die Vögel im Garten, die Erkennung läuft lokal, und dann wird eine Illustration im Stil alter Naturzeichnungen angezeigt. Das ist ein schönes Beispiel für AI, die nicht im Rechenzentrum läuft, sondern auf einem Ein-Platinen-Computer im Flur.

Felix Hartmann: BirdNET-Go ist eine echte Leistung — Vogelstimmen-Erkennung ist nicht trivial, weil sich jede Art anders anhört und es hunderte gibt. Dass das auf einem Raspberry Pi läuft, zeigt, wie weit diese Modelle runter skaliert sind. Und der E-Ink-Teil ist clever, weil der nur Strom zieht, wenn sich etwas ändert. Also ein Gerät, das Tage ohne Ladekabel durchhält.

Lena Vogel: Und dann Capsule. Das packt eine Web-App plus SQLite-Daten in eine einzige portable Offline-Datei mit der Endung .capsule. Gebaut mit Rust und Tauri, mit integrierter KI.

Felix Hartmann: Das ist im Prinzip: Deine ganze Anwendung — Oberfläche und Daten — in einer Datei, die du irgendwohin kopieren kannst, die offline läuft. Das ist der Gegenentwurf zu „alles ist ein Cloud-Dienst mit Abo“. Wenn du die Datei hast, hast du die App und deine Daten.

Lena Vogel: Und die integrierte KI ist interessant — also nicht „wir schicken deine Daten zu einem API-Endpunkt“, sondern KI, die in der App selbst funktioniert. Das ist die Richtung, in die diese ganze Bewegung geht: eigene kleine Systeme, unabhängig von großen Plattformen.

Felix Hartmann: Und das ist die Überleitung zum nächsten Thema: Was passiert eigentlich mit den Werkzeugen, auf denen all diese Dinge gebaut sind?

Lena Vogel: Jo Sprague, der bei Mozilla und Lincoln Loop arbeitet, hat firefox.com neu gebaut. Mit modernem, nativem CSS — ohne Präprozessor, nur PostCSS für @import.

Felix Hartmann: Also die Seite, die den Firefox-Browser repräsentiert, kommt ohne LESS, ohne Sass, ohne irgendeine Abstraktionsschicht aus. Nur CSS, wie der Browser es direkt versteht. Und das ist eine Aussage: Die Sprache ist längst so weit, dass man die Werkzeuge, die man jahrelang drüber gesetzt hat, nicht mehr braucht.

Lena Vogel: Variablen, Verschachtelung, moderne Selektoren — das gibt es alles nativ. Und die Präprozessoren waren damals Antworten auf Probleme, die die Sprache hatte. Wenn die Probleme weg sind, fragt man sich, ob die Werkzeuge noch brauchen.

Felix Hartmann: Und dazu ein kurioser Kontrast: CSS-Tricks ist inaktiv. Die Seite wurde von DigitalOcean übernommen, das Team wurde entlassen, und DigitalOcean hat 3 Millionen Dollar an DHHs Omarchy gespendet — ohne zu sagen, was mit der Seite selbst passiert.

Lena Vogel: Das ist eine seltsame Geschichte. CSS-Tricks war jahrelang eine der wichtigsten Referenzen für Web-Entwickler. Chris Coyier hat da tausende Artikel geschrieben. Und jetzt: Team weg, kein Statement zur Zukunft, stattdessen eine Spende an ein ganz anderes Projekt.

Felix Hartmann: Die Spende an Omarchy ist besonders merkwürdig — Omarchy ist DHHs Linux-Setup, also ein ganz anderes Thema als CSS. Man kann spekulieren, ob das eine Abfindung für das Archiv war oder ob DigitalOcean einfach den Namen und die Links behalten wollte. Aber ohne Erklärung bleibt das offen. Die Frage, die viele Leute sich stellen: Wer pflegt eigentlich unsere digitalen Dauerprodukte?

Lena Vogel: Und das ist genau der Punkt, der mit dem norwegischen Bericht zusammenpasst: Produkte werden kürzer gehalten. Und unsere digitalen Werkzeuge — eine Referenz-Seite wie CSS-Tricks, ein Präprozessor, ein Framework — sind auch Produkte. Wer hält die am Leben, wenn das ursprüngliche Team weg ist?

Felix Hartmann: Und es gibt noch eine Verbindung zur Wayback Machine, die wir vorher hatten: Wenn eine Seite wie CSS-Tricks inaktiv wird, ist die einzige Hoffnung für die alten Artikel, dass das Archiv sie festhält. Also brauchen wir das Internet Archive mehr denn je — und genau das wird gerade von Traffic erdrückt.

Lena Vogel: Schöner Bogen. Und zum Abschluss zwei Geschichten, die auf den ersten Blick nichts mit allem zu tun haben — aber doch.

Felix Hartmann: Matt Kirkland zerschneidet dicke Bücher in handlichere Bände. Sein Beispiel ist „Lonesome Dove“, über 850 Seiten. Werkzeug: Messer, Binderücken, Klebstoff.

Lena Vogel: Also: Buch nehmen, mit dem Messer den Rücken aufschneiden, den Block in Abschnitte teilen, jedem Abschnitt einen neuen Binderücken geben und das mit Klebstoff fixieren. Am Ende hat man aus einem Wälzer vier oder fünf Bücher gemacht, die man auch wirklich in die Hand nehmen kann.

Felix Hartmann: Das ist handwerklich brutal und zugleich faszinierend pragmatisch. Die meisten Leute, die einen 850-Seiten-Wälzer anfassen, lesen ihn nie fertig, weil das Objekt selbst zu unhandlich ist. Kirkland sagt im Prinzip: Das ist ein Designfehler des Objekts, und ich kann ihn reparieren.

Lena Vogel: Und die zweite Geschichte: 1930 hat Mick Leahy rund eine Million Menschen in den Highlands von Neuguinea entdeckt — Menschen, die bis dahin für die Außenwelt völlig unsichtbar waren. Das ist festgehalten in „First Contact“.

Felix Hartmann: Eine Million Menschen, die niemand kannte. Das ist keine kleine Entdeckung, das ist eine ganze Welt, die einfach neben unserer existiert hat, ohne Kontakt. Und die Erinnerung daran existiert nur, weil sie dokumentiert wurde — in Filmen, in Berichten.

Lena Vogel: Die Verbindung, die ich sehe: Beide Geschichten drehen sich um Objekte und Erinnerung. Kirkland zerteilt ein Buch, um es lesbarer und damit zugänglicher zu machen. Die Highlands waren eine Welt, die man zum ersten Mal sehen musste. Beide handeln davon, was man behält, was man zerteilt, was man zum ersten Mal wirklich anschaut.

Felix Hartmann: Und das passt auch zum Rest der Sendung: Rheinmetall legt etwas offen, TypeSafe baut eine schnelle Schicht, Baseten verliert Daten in 25 Minuten, die Wayback Machine kämpft gegen Crawler, und jemand schneidet mit einem Messer ein Buch auseinander. Es geht immer um die Frage: Was bleibt erhalten, wer pflegt es, und wie bauen wir es selbst, wenn keiner da ist?

Lena Vogel: Genau. Danke, Felix. Danke an alle, die zugehört haben. Wir sind nächste Woche wieder da — und falls ihr Fehler findet, meldet euch.

Felix Hartmann: Bis dann.