0908 | Abhören, Auswandern, Aufbrechen: Tech zwischen Überwachung und Selbstbestimmung

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Show notes

Diese Folge blickt aufTech-Nachrichten: wie LG-Fernseher mithören, wie Staaten und Clubs Microsoft-Dominanz verlassen, warum ein 512-Bit-RSA-Schlüssel von 1999 heute in 30 Stunden geknackt wird, was KI an Hackathons über Mathematik lernt – und was ein Tesla vor einem Stoppschild getan hat. Dazu Reparaturquoten, Jellyfin 12, ein E-Reader für 70 Dollar und der Ig-Nobel-Preis für spritzfreie Urinale.

Zeitleiste

  • 00:00:04 Einleitung
  • 00:00:29 Smart-TVs als Lauscher
  • 00:02:58 Weg von VMware und Microsoft: Lizenzdruck treibt die Flucht an
  • 00:06:12 Open Source im Eigenbau: Jellyfin 12 und Co.
  • 00:08:16 Alte Technik entzaubert: RSA von 1999 und Stuxnet-Quellcode
  • 00:10:36 Mobilität: Autopilot-Unfall und offene Verkehrskarten
  • 00:12:50 KI und die Frage, wer eigentlich programmiert
  • 00:15:29 Verbraucher gegen Hersteller: Reparaturinfos und bezahltes Werbeüberspringen
  • 00:17:14 Langsamer denken: E-Reader, Auszeit und ein Ig-Nobel-Preis
  • 00:19:15 Tech-Geschichte und Hollywood: Gates, Theranos
  • 00:21:02 Abschluss

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Transcript

Lena Vogel: Hallo und willkommen zurück zum Podcast! Ich bin Lena Vogel.

Felix Hartmann: Und ich Felix Hartmann. Wir sind wieder durch die Diskussionen der letzten 24 Stunden gegangen, und es gibt diesmal einen roten Faden, der sich wirklich durch alles zieht: Vertrauen. Vertrauen in Geräte, die uns zuhören. Vertrauen in Softwareanbieter, die plötzlich Downloads wegziehen. Vertrauen in Krypto, die zwanzig Jahre alt ist. Und Vertrauen in Systeme, die Auto fahren sollen.

Lena Vogel: Genau. Und wir fangen mit einer Geschichte an, die viele Leute im Chat heute Morgen wirklich unruhig gemacht hat. Gamers Nexus hat untersucht, was LG-Smart-TVs eigentlich so treiben. Und die Kurzversion ist: Sie hören zu.

Felix Hartmann: Also, im Detail: Die Fernseher zeichnen Gespräche auf, transkribieren sie, und die Daten gehen an LG Ad Solutions. Und das Verrückte ist – laut den Recherchen passiert das sogar bei ausgeschaltetem Bildschirm. Das Mikrofon läuft weiter, der Ton wird aufgenommen, und zusätzlich scannen die Geräte noch das lokale Netzwerk. Also sie schauen sich an, was sonst noch so in deinem Heimnetzwerk hängt.

Lena Vogel: Die Größenordnung: rund 216 Millionen Fernseher sind betroffen. Das ist keine Randerscheinung, das ist quasi der Standard im Wohnzimmer von sehr, sehr vielen Menschen.

Felix Hartmann: Und was ich an den Reaktionen interessant fand: Es gab keine große Überraschung im Sinne von "das kann nicht wahr sein". Die Überraschung war eher das Ausmaß und dass es über den ausgeschalteten Bildschirm hinausgeht. Ein Kommentator hat das schön auf den Punkt gebracht: Datenschutz endet nicht beim Fernsehprogramm. Wir reden ja ständig über Handy und Laptop, aber der Fernseher ist im Grunde ein noch größerer Sensor, der mitten im Wohnzimmer steht, oft im Raum, in dem die ganze Familie sitzt.

Lena Vogel: Und praktisch gesehen ist das Gerät ja auch noch mit dem Netz verbunden, weil man es für Streaming nutzt. Das ist der Kompromiss, den fast alle eingehen.

Felix Hartmann: Der Rat von Gamers Nexus ist entsprechend unspektakulär und trotzdem radikal: Trennt die Dinger vom Internet. Punkt. Also einfach physisch trennen oder die Verbindung konsequent sperren.

Lena Vogel: In den Diskussionen gab's dann natürlich die klassische Spaltung. Die einen sagten: "Meiner steht eh nie im Netz, ich habe nur eine Blueray-Player-Orientierung." Andere erzählten aus erster Hand, dass sie nach dem Kauf versucht haben, das Gerät offline zu betreiben, und dass die Setup-Prozesse das aktiv erschweren. Also man wird regelrecht in die Cloud gedrängt.

Felix Hartmann: Und dann gab es noch die Gruppe, die gesagt hat: "Ich weiß es, ich akzeptiere es, weil ich keinen Bock habe, auf komfortable Features zu verzichten." Das ist ehrlich, aber es zeigt auch, wie asymmetrisch das Ganze ist. Der Hersteller entscheidet, was passiert, der Nutzer erfährt es hinterher aus einer Recherche.

Lena Vogel: Was offen bleibt: Wie weit reicht die Praxis wirklich? Welche Daten genau gehen raus, wie lange werden sie gespeichert, wer außer LG bekommt sie? Das ist alles nicht abschließend geklärt. Und genau deshalb ist die Vorsicht vielleicht die einzig rationale Haltung.

Felix Hartmann: Und weißt du, was da gut passt? Das Misstrauen gegenüber schwarzen Kästen, über die man keine Kontrolle hat. Das zieht sich nämlich weiter zu einem anderen Thema, wo Firmen entscheiden, was Nutzer noch bekommen: Software, die man nicht mehr runterladen darf.

Lena Vogel: Leg los.

Felix Hartmann: Broadcom hat die öffentlichen Downloads des VDDK eingestellt. Das ist das VMware Disk Development Kit, also im Grunde eine zentrale Bibliothek, die man braucht, wenn man Daten von VMware-Umgebungen migrieren will. Und das wurde kommentarlos gestoppt. Keine Erklärung, nichts. Und wer beim Support nachfragt, bekommt als Antwort: nicht verfügbar.

Lena Vogel: Das ist wirklich übel, weil es genau den Moment trifft, in dem massenhaft Leute von VMware weg wollen. Es gibt ja diesen großen Migrationsschub seit der Übernahme, und die Werkzeuge, die man dafür braucht, werden einem gerade unter den Füßen weggezogen.

Felix Hartmann: Ein Kommentator, der offenbar selbst Migrationen macht, hat beschrieben, dass Projekte deshalb ins Stocken geraten. Man plant eine Umsiedlung, braucht die Schnittstelle, um an die virtuellen Festplatten ranzukommen, und plötzlich ist der offizielle Weg zu. Und die Frage, die in der Diskussion aufkam: Ist das Absicht? Ist das ein Druckmittel? Niemand weiß es, weil es keine Erklärung gibt, und genau dieses Schweigen ist selbst die Nachricht.

Lena Vogel: Es passt in ein Muster. Bei Broadcom hat man in den letzten Monaten ja mehrfach gesehen, dass Verträge neu verhandelt werden und Preise massiv steigen. Und jetzt verschwindet auch noch das Werkzeug für den Ausstieg. Egal ob das beabsichtigt ist oder nicht – der Effekt ist, dass der Wechsel schwerer wird.

Felix Hartmann: Genau, und deshalb fanden viele die Gegenbeispiele in der Diskussion so erfrischend. Da war zum Beispiel die Geschichte von Tottenham Hotspur, dem Fußballclub. Die haben VMware durch HPE Morpheus VM Essentials ersetzt und dadurch die Lizenzkosten um über 85 Prozent gesenkt.

Lena Vogel: Über 85 Prozent, das ist keine Optimierung, das ist eine andere Größenordnung.

Felix Hartmann: Und es zeigt: Der Ausstieg ist möglich, wenn man sich auf ein anderes System einlässt. Die Klaube ist nicht, dass Virtualisierung verschwindet, sondern dass der Preis für das Vertraute explodiert.

Lena Vogel: Und die zweite Fluchtroute ist noch grundsätzlicher: die Schweiz. Da wird gerade ein Pilot angekickt, bei dem 3.000 Bundesstellen von Microsoft 365 auf Open Source migrieren sollen, auf openDesk. Zieljahr ist 2027, und das Ganze steht auf einem Digital-Souveränitätsgesetz.

Felix Hartmann: Das ist der Punkt, der in der Diskussion am meisten Anklang gefunden hat: Vendor-Lock-in ist längst kein IT-Problem mehr, sondern ein politisches und wirtschaftliches Risiko. Wenn ein einzelner Anbieter entscheiden kann, was du noch nutzen darfst und was nicht, dann ist das auf Staatsebene eine Souveränitätsfrage. Ein Kommentator hat gesagt, so etwas wie das Schweizer Gesetz wäre vor fünf Jahren noch als Ideologie abgetan worden – heute ist es Risikomanagement.

Lena Vogel: Und natürlich gab es auch die Realitäts-Check-Stimmen: 3.000 Arbeitsplätze umstellen, das ist hart. Menschen, die jahrelang mit Office-Workflows gearbeitet haben, umzugewöhnen, ist der eigentliche Berg, nicht die Software.

Felix Hartmann: Stimmt, und offen ist auch, ob die Schweiz das Pilotstadium wirklich verlässt oder ob es bei einer schönen Ankündigung bleibt. 2027 wird's zeigen.

Lena Vogel: Wenn man die Flucht aus den großen Plattformen ernst nimmt, landet man irgendwann bei Selbstgemachtem. Und da gibt's heute ein paar Updates aus der Open-Source-Welt. Das größte: Jellyfin 12 ist raus.

Felix Hartmann: Also Jellyfin ist ja die selbstgehostete Media-Server-Alternative, quasi das, was viele nutzen, wenn sie ihre Mediathek selbst in der Hand haben wollen. Und Version 12 hat gleich mal die Versionsnummer befreit: das "10."-Präfix fällt weg. Aus 10.x wird also einfach 12.

Lena Vogel: In der Diskussion war der wichtigste praktische Punkt die Datenbankmigration. Bei dem Sprung wird die DB migriert, und der Rat, der überall kam: Mach vorher ein Backup. Nicht "wäre schön", sondern Pflicht. Ein Nutzer hat beschrieben, wie er das Upgrade durchgezogen hat und froh war, dass sein Backup-Script vorher gegriffen hat.

Felix Hartmann: Und eine kleine Änderung mit großer Wirkung: Nutzernamen sind ab jetzt case-insensitiv. Also Groß- und Kleinschreibung spielt keine Rolle mehr beim Login. Klingt banal, aber wer jahrelang darüber geflucht hat, dass "Lena" und "lena" zwei verschiedene Konten sein können, weiß, warum das gefeiert wurde.

Lena Vogel: Insgesamt war der Tenor in der Diskussion: Selbstgehostete Alternativen werden pflegeleichter. Das ist der eigentliche Punkt. Vor ein paar Jahren war Selbsthosten noch ein Hobby für Leute mit viel Zeit und hoher Frustrationstoleranz. Projekte wie Jellyfin zeigen, dass sich das ändert.

Felix Hartmann: Und nebenbei noch zwei Kleinigkeiten aus derselben Ecke. Zum einen: TALA, das Layout-Modul für Architekturdiagramme von Terrastruct, ist jetzt unter MPL-2.0 quelloffen und steckt in D2 v0.9.0. Für alle, die Diagramme als Code schreiben: Das ist relevant.

Lena Vogel: Und bzip3. Da gab's Benchmarks, die zeigen, dass es bei manchen Daten – zum Beispiel einem Perl-Tarball – ein besseres Kompressionsverhältnis schafft als zstd. Aber – und das war der diskutierte Punkt – die Performance ist stark datenabhängig. Also nicht "bzip3 schlägt zstd", sondern "bei dieser Art von Daten und wenn dir Verhältnis wichtiger ist als Geschwindigkeit".

Felix Hartmann: Klassisches Benchmark-Diskussionschaos. Aber bleiben wir beim Thema Vertrauen in alte Technik – denn da gibt's heute zwei Geschichten, die wie aus einem Lehrbuch wirken.

Lena Vogel: Die erste: Ein Forscher hat die 512-Bit-RSA-CA-Wurzeln faktorisiert, die 1999 in Netscape 4.51 ausgeliefert wurden. Das sind die E-Certify-Roots. Und das Ganze hat etwa 30 Stunden auf einem ganz normalen Desktop-Ryzen gedauert. Kein Cluster, kein Supercomputer, ein Schreibtischrechner.

Felix Hartmann: Und die Pointe ist: Das ist kein exotischer Angriff auf etwas Obskures. Das waren Zertifikate, die in einem damals bahnbrechenden Browser ausgeliefert wurden, also trust anchor, denen man vertraut hat. Und heute kann jeder Hobbyist die Kryptografie dahinter in anderthalb Tagen brechen.

Lena Vogel: In der Diskussion war der Weckruf klar: Alter schützt Krypto nicht. Schlüssellängen, die 1999 als sicher galten, sind heute eine Übungsaufgabe. Und die offene Frage, die einige aufwarfen: Wie viele solcher schwachen Roots liegen noch irgendwo in Legacy-Systemen, in eingebetteten Geräten, in Archiven? Nur weil etwas lange funktioniert hat, heißt das nicht, dass es sicher ist.

Felix Hartmann: Die zweite Geschichte in dieselbe Kerbe: Auf GitHub ist rekonstruierter Stuxnet-Quellcode aufgetaucht. Rund 15.000 Zeilen, rekonstruiert aus dekompilierten Binaries. Ausdrücklich gekennzeichnet für Forschung und Bildung.

Lena Vogel: Und das hat eine richtig grundsätzliche Debatte losgetreten. Die einen sagen: endlich. Stuxnet ist historisch, es wird in Vorlesungen behandelt, und die Analyse-Leute arbeiten seit Jahren mit Dekompilaten. Ein lesbarer Quellcode macht das Studium möglich, statt dass jeder in Assembler wühlt.

Felix Hartmann: Die anderen fanden das viel zu naiv. Ein Kommentar war sinngemäß: Malware-Techniken sind keine Museumsstücke. Vieles von dem, was Stuxnet gemacht hat, ist Prinzipien, die man auch heute wieder verwenden kann. Die Unterscheidung "historisch, also harmlos" ist eine bequeme Erzählung.

Lena Vogel: Und ehrlich gesagt: Beide Seiten haben einen Punkt, und die Diskussion ist nicht entschieden. Was fehlt, ist so etwas wie ein Konsens darüber, wo die Grenze verläuft zwischen "Verständnis historischer Angriffe" und "Nachschlagewerk für neue". Die einzige Klarheit ist die Absichtserklärung des Repos: Forschung und Bildung, nichts weiter.

Felix Hartmann: Vom Brechen alter Krypto und historischer Malware kommen wir jetzt zu einem Thema, wo die Technik ganz aktuell ist und trotzdem Fragen aufwirft, die niemand beantworten kann.

Lena Vogel: Du meinst den Tesla-Unfall.

Felix Hartmann: Ja. Ein Tesla Model 3 in New Jersey, FSD beziehungsweise Autopilot war verifiziert aktiviert, das Fahrzeug ist über ein Stoppschild gefahren und hat dabei eine 82-jährige Fahrerin getötet.

Lena Vogel: Und was die Diskussion besonders scharf gemacht hat: Tesla hat zentrale Felder in den NHTSA-Unternehmen schwärzen lassen. Also ausgerechnet die Details, die man bräuchte, um zu verstehen, was genau passiert ist, sind geschwärzt.

Felix Hartmann: Und das ist der Punkt, über den fast alle Kommentatoren gestolpert sind. Es geht nicht primär darum, ob die Technik gut oder schlecht ist. Es geht um Transparenz. Ein Hersteller, der bei einem tödlichen Unfall mit aktivem Assistenzsystem entscheidende Daten schwärzt, untergräbt genau das Vertrauen, auf das er angewiesen ist, wenn er behauptet, die Systeme seien reif.

Lena Vogel: Einige Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass "verifiziert aktiviert" nicht automatisch heißt, dass das System zum Unfallzeitpunkt noch in Kontrolle war. Das ist eine legitime technische Frage. Aber genau deshalb braucht man die Daten. Wenn die schwärzt werden, bleibt nur Spekulation.

Felix Hartmann: Und die Verantwortungsfrage ist komplett offen. Haftet der Fahrer? Haftet der Hersteller? Gibt es Zwischenstufen? Das ist in so einem Fall juristisch ungeklärt, und solange die Rohdaten nicht öffentlich sind, wird es auch keine fundierte Debatte geben.

Lena Vogel: Der Kontrast dazu ist dann fast schon poetisch: Belgien. Dort gibt's ovlive.be, eine Live-Karte, die alle Busse, Trams, Metros und Züge im Land in Echtzeit zeigt. Und das Beste: gebaut auf offenen Daten der Betreiber.

Felix Hartmann: Keine Schwärzung, keine Geheimhaltung. Die Betreiber legen ihre Daten offen, und daraus entsteht ein öffentliches Werkzeug, das jeder nutzen kann. Ein Kommentator hat das als Gegenmodell beschrieben: Der gleiche Sektor – Verkehr, Bewegung, Sicherheit –, aber mit dem entgegengesetzten Prinzip. Transparenz als Feature, nicht als Bedrohung.

Lena Vogel: Das ist auch ein schönes Beispiel dafür, was offene Daten möglich machen. Ovlive ist keine offizielle App eines Konzerns, sondern entsteht, weil die Daten da sind. Das ist die ganze Wertschöpfung.

Felix Hartmann: Von Transparenz und Kontrolle kommen wir zu einer Frage, die in den Entwickler-Diskussionen heute richtig hitzig war: Wenn KI Programme schreiben kann, wer ist dann eigentlich noch Programmierer?

Lena Vogel: Also zwei sehr unterschiedliche Datenpunkte. Der erste: Beim Caltech Mathathon haben 100 Teams in 40 Stunden mit Frontier-KI-Modellen an offenen mathematischen Vermutungen gearbeitet. Das war am 30. Oktober 2026. Also nicht Code-Generierung für Crud-Apps, sondern echte offene Forschungsfragen mit den stärksten Modellen, die es gibt.

Felix Hartmann: Das ist eine Ansage. Wenn Modelle in einem Hackathon an ungelösten Conjectures arbeiten, dann ist die Frage "kann KI überhaupt etwas Ernsthaftes" ziemlich beantwortet. Die spannendere Frage ist, wie tief das ging – wie viele Vermutungen wurden wirklich angekratzt, wie viel war Scheinerfolg? Das ist aus dem Bericht nicht ersichtlich, und genau da setzen die Skeptiker an.

Lena Vogel: Der zweite Datenpunkt ist ein Essay, und der hat die Emotionen hochgekocht. Die These: "Echte" Programmierer würden ihren Code niemals an KI ausliefern. Programmieren als Kunstform, als Ausdruck. Und dann – das war der Teil, über den viele geschmunzelt haben – gesteht der Autor selbst, dass er eigentlich nur fürs Geld codet.

Felix Hartmann: Genau, und das ist die Stelle, an der das Essay für viele zusammengeklappt ist. Wenn du selbst sagst, du schreibst Code nur gegen Bezahlung und nicht als Ausdruck, dann ist die Berufung auf die "echten Künstler" schwer aufrechtzuerhalten. Ein Kommentator hat sinngemäß gesagt: Das klingt nach Romantisierung eines Berufs, den der Autor selbst nicht so erlebt.

Lena Vogel: Andere haben die These aber verteidigt, zumindest in einer abgeschwächten Form: Es gibt Menschen, für die Code ein Handwerk und eine Ausdrucksform ist, und für die ist die Übergabe an KI nicht neutral, sondern ein Verlust. Ob das "alle echten Programmierer" sind, ist die Übertreibung, aber das Gefühl dahinter ist real.

Felix Hartmann: Und dann gab's noch den nüchternen Gegenpol: vLLM hat einen Blogpost, wie speculative decoding auf AMD MI300X und MI355X mit ROCm läuft, mit den Methoden MTP, EAGLE-3, DFlash und DSpark, samt Benchmarks. Also die praktische Seite: wie man die Inference mit genau diesen Modellen schneller macht.

Lena Vogel: Und das passt oddly gut in die Debatte: Während darüber gestritten wird, ob KI "echtes" Programmieren kann, bauen Leute parallel Infrastruktur, um KI schneller zu machen. Die Entwicklungsrichtung ist unübersehbar.

Felix Hartmann: Die offene Frage am Ende des Threads war: Wie viel Handwerk bleibt beim Menschen? Und ich glaube, die ehrliche Antwort der Diskussion war: Das wissen wir nicht. Es hängt davon ab, ob du Code als Mittel oder als Zweck siehst.

Lena Vogel: Und wenn wir schon bei den Menschen sind, die ihren Beruf kritisch sehen: Es gab heute auch Stimmen, die über den Zustand der Köpfe sprechen. Aber vorher noch kurz etwas ganz Praktisches, was Verbraucher direkt betrifft.

Felix Hartmann: Also zwei Geschichten, die fast wie Kopien voneinander aussehen. Erstens: Ein Jahr nach den EU-Reparabilitätsregeln für Smartphones – Right to Repair Europe hat nachgezählt – listen nur rund 18 Prozent von 2.334 neuen Smartphones die vorgeschriebenen Reparatur-Info-Links.

Lena Vogel: 18 Prozent. Also die Regel existiert, die Pflicht existiert, und die allermeisten Hersteller stellen sich einfach hinten an. Ein Kommentator fragte resigniert: Was bringt die schönste Regel, wenn die Durchsetzung fehlt? Und das ist die eigentliche offene Frage – kommt jetzt Bußgeld-Druck, oder bleibt es ein Zettel?

Felix Hartmann: Und zweitens, das Muster aus einer anderen Richtung: TiVo. Ab dem 2. November 2026 wird der kostenlose SkipMode gestrichen, also das automatische Überspringen von Werbeblöcken. Und parallel wird gerade ein monatliches Bezahl-Add-on getestet, das genau das wieder einführt.

Lena Vogel: Also erst das gute Feature gratis geben, Gewohnheit schaffen, dann kassieren. Das ist das Geschäftsmodell, über das in der Diskussion viele gestolpert sind. Ein Kommentar brachte es auf die Formel: Hersteller testen, wie viel Bequemlichkeit Nutzer extra zahlen. Und die Antwort lautet offenbar: eine monatliche Gebühr dafür, keine Werbung zu sehen.

Felix Hartmann: Die Frage, die unbeantwortet blieb: Darf man das? Also darf man hinter Regeln oder Versprechen zurücktreten, die Nutzer einmal als selbstverständlich begriffen haben? Rechtlich vielleicht ja, moralisch ist es eine andere Frage. Und es passt zusammen mit dem 18-Prozent-Wert: Beide Male wird eine Erwartung unterschritten, die offiziell existiert.

Lena Vogel: Und weil wir gerade bei Erwartungen sind, die enttäuscht werden – kommen wir zum entspannteren Teil der Sendung. Es gab heute ein paar Geschichten, die sich um langsames Leben drehen.

Felix Hartmann: Der Atlantic hat den Xteink X3 besprochen, einen E-Reader im Scheckkartenformat für um die 70 Dollar. Und die Kernaussage: Das Ding hat das Lesen des Autors spürbar boosting.

Lena Vogel: Und das Interessante: Der X3 hat gerade die Features nicht, die man bei einem 70-Dollar-Gerät erwarten würde. Kein Touchscreen, keine Beleuchtung. Und genau diese Beschränkung ist der Punkt – man kann nichts anderes machen als lesen. Kein App-Daddy, keine Benachrichtigungen, keine Ablenkung.

Felix Hartmann: Und es ist offen, weil es auf der Crosspoint-Firmware basiert, die quelloffen ist. Also die Community kann das Gerät weiterentwickeln. Das ist wieder so ein Fall, wo offene Systeme Vertrauen schaffen, das closed Geräte vermissen lassen.

Lena Vogel: In dieselbe Richtung geht ein Dev-Bericht über sogenannte De-Brainrot-Urlaube. Also: raus aufs Land, langsam werden, lesen, und – das war der überraschende Teil – Mathe und Physik als Hobby betreiben, um einen mentalen Verfall umzukehren.

Felix Hartmann: Und die Reaktionen waren geteilt. Ein Teil fand es inspirierend: "Ich brauche genau das." Der andere Teil fand es etwas adrenal-selbstgefällig, als würde man ohne konkrete Diagnose die eigene geistige Verfassung behandeln. Aber der Grundgedanke, dass die Aufmerksamkeitsspanne leidet und dass man sie aktiv trainieren kann wie einen Muskel, den hat kaum jemand bestritten.

Lena Vogel: Und dann, um die Sendung auf dem richtigen Niveau zu beenden: der Ig-Nobel-Preis für Physik 2026. Der ging an Forschung zu spritzfreien Urinal-Designs. Das empfohlene Design heißt "Nautilus".

Felix Hartmann: Also, um das ernst zu nehmen, was der Preis auch ernst nimmt: Es ist echte Forschung an einem echten Alltagsproblem, mit messbarem Ergebnis, nur eben in einem Fach, über das man normalerweise nicht in einer Audienz spricht. Der Humor ist Teil des Konzepts, aber die Physik ist echt.

Lena Vogel: Und damit sind wir auch schon bei den letzten beiden Geschichten, die beide in die Kategorie "Tech-Geschichte hat immer eine menschliche, oft absurde Seite" fallen.

Felix Hartmann: Da ist zum einen eine interne Microsoft-Mail aus dem Jahr 2003, die jetzt aufgetaucht ist. Bill Gates, wutentbrannt, weil er versucht hat, Movie Maker von Microsoft.com herunterzuladen, und es einfach nicht geschafft hat. Die eigene Website hat den eigenen Gründer im Stich gelassen.

Lena Vogel: Und das ist köstlich, weil es zeigt: Usability war schon intern ein Kampf. Der Mann, der das Unternehmen gebaut hat, konnte auf der eigenen Seite nicht das finden, was er suchte. Es gibt also eine gewisse Genugtuung für alle, die sich je auf einer Unternehmenswebsite verlaufen haben.

Felix Hartmann: In der Diskussion wurde das weniger als Häme gelesen, sondern eher als Zeichen, dass das Problem strukturell war. Wenn selbst Gates an der Website scheitert, dann war das kein Bedienfehler, sondern ein Designversagen. Und die Frage, ob sich seither viel geändert hat, hat niemand überzeugend beantwortet.

Lena Vogel: Und die zweite Geschichte: Nathan Fielder hat einen Dokumentarfilm über Elizabeth Holmes gemacht, "You Can See Everything", produziert von A24, 174 Minuten lang, Premiere in Telluride.

Felix Hartmann: 174 Minuten über Theranos. Das ist lang. Aber der Fall Holmes ist ja auch einer der gründlichsten Betrugsfälle der Tech-Geschichte, und ein Dokumentarfilm von Fielder, der ja für seine eigene, sehr präzise Herangehensweise bekannt ist, verspricht eine interessante Perspektive.

Lena Vogel: Was in der Diskussion auffiel: Diese Geschichten – Gates, der an seiner eigenen Website scheitert, Holmes, die eine Firma auf Lügen gebaut hat – zeigen beide, dass große Tech-Mythen immer aus sehr menschlichen, oft absurden Momenten bestehen. Egos, Bürokratie, Selbsterschleichung.

Felix Hartmann: Und damit sind wir am Ende. Der Bogen heute war: Vertrauen. Vertrauen in Fernseher, die mithören. Vertrauen in Anbieter, die Downloads sperren. Vertrauen in Krypto von 1999. Vertrauen in Autos, die Stopp-schilder übersehen. Vertrauen in Hersteller, die Regeln ignorieren.

Lena Vogel: Und immer wieder der Gegenvorschlag: Offenheit. Offene Daten, offene Firmware, offene Software. Nicht als Ideologie, sondern als Versprechen von Kontrolle. Wenn ihr einen der Punkte vertiefen wollt – die Links stecken wie immer in den Shownotes.

Felix Hartmann: Schreibt uns, was ihr denkt. Insbesondere zur Frage, wie viel Bequemlichkeit ihr eurem Fernseher abkaufen würdet.

Lena Vogel: Bis zum nächsten Mal. Passt auf eure Mikrofone auf.

Felix Hartmann: Tschüss!