
0906 | Orbit erreicht: Europas Weltraum-Durchbruch und die Brüchigkeit alter Sicherheiten
Show notes
Diese Episode blickt auf eine Woche voller Gegensätze: Isar Aerospace schafft als erste europäische Privatfirma den Orbit, während diamantene und metaphorische alte Sicherheiten wackeln – Goldrückholungen, schließende Minen, das platzierte 1,5-Grad-Ziel. Dazu Tech-Kultur von Rust-Vtables bis zum Terpstra-Keyboard, Fragen zu KI, die uns abhängig macht, und skandalöse Einblicke von PFAS bis ultraverarbeiteter Lebensmittel.
Zeitleiste
- 00:00:04 Einleitung
- 00:00:24 Europa im Orbit – Isar Aerospace
- 00:02:26 Gold nach Hause – Krisenvorsorge der Niederlande
- 00:04:08 Diamanten aus der Mode – Minen schließen
- 00:05:42 Industrie-Skandale: Tabak als Lebensmittel-Pionier und 3Ms PFAS-Wissen
- 00:08:19 Pentagon zieht Testosteron-Leitlinie zurück
- 00:09:39 Wikimedia-Mitarbeiter gründen Union
- 00:10:57 1,5 Grad ist futsch – UN setzt auf Overshoot
- 00:12:58 KI-Automatisierung: Bequem, aber skill-erodierend
- 00:15:34 Git, Hosting und Werkzeuge: Kontrolle behalten
- 00:18:34 Nerd-Ecken und echte Luxusgüter
- 00:21:41 Ig-Nobel 2026: Preisverleihung wandert nach Zürich
- 00:22:33 Abschluss
Weitere Links
- Isar Aerospace launch into orbit [video]
- Private German rocket makes history, reaches orbit from European soil
- Netherlands pulls gold out of the US for fears of 'geopolitical unrest'
- South African diamond mines are closing due to weak sales and lab-grown stones
- How the Tobacco Industry Drove the Rise of Ultra-Processed Foods (2025)
- How the Disaster of "Forever Chemicals" Was Kept Secret
- Pentagon rescinds new testosterone screening policy without explanation
- Wikimedia Foundation Workers Overwhelmingly Vote to Form Union with CWA
- Global warming will exceed 1.5-degree limit, UN says
- AI handles incidents, engineers lose touch with their systems
- LLMs as a Cognitive Virus
- .gitignore Everything by Default
- Git hosting that never leaves Europe
- Visualizing Rust's Vtables: How dyn Trait Works In Memory
- Learn Programming with OCaml
- A bizarre Commodore 64 peripheral, a mime, and some pretty bad ads
- Terpstra Keyboard
- The "$60 Gaming PC" – AMD BC-250 (2025)
- The Luxuries in Life
- Meet the Ig Nobel Prize Winners
Diese Folge wurde von Bri produziert. Bri nutzt fortschrittliche KI-Technologie, um die Feeds, die dir wichtig sind, in Podcasts zum Zuhören zu verwandeln. Kontakt: hi@bri.so.
Transcript
Lena Vogel: Herzlich willkommen zurück zur Show, ich bin Lena Vogel.
Felix Hartmann: Und ich Felix Hartmann. Und was für eine Mischung heute: Europa schafft es tatsächlich in den Orbit, Staaten holen Gold zurück, und ein Haufen Institutionen – von der UN bis zum Pentagon – gerät ordentlich ins Wackeln. Dazu Skurriles am Rand. Aber fangen wir mit dem größten Brocken an.
Lena Vogel: Isar Aerospace. Die Spectrum-Rakete ist vom norwegischen Andøya aus in die Umlaufbahn geflogen. Und das ist historisch, weil es der erste Orbitalstart einer europäischen Privatfirma vom Festland überhaupt ist.
Felix Hartmann: Man muss sich klarmachen, wie selten das ist. In den USA ist ein privater Orbitalstart fast schon Routine. In Europa war das bislang quasi der staatliche Vorbehalt – Ariane, Vega, staatliche Agenturen. Jetzt kommt eine deutsche Firma, startet von norwegischem Boden, und schafft den Orbit. Das ist die eigentliche Schlagzeile.
Lena Vogel: Was mich interessiert: Wie lange hat man das im Raumfahrtumfeld diskutiert? Die Skeptiker-Sicht war ja lange, Europa habe schlicht keinen funktionierenden New-Space-Sektor. Zu viel Regulierung, zu wenig Risikokapital, zu wenig Test-Infrastruktur. Und jetzt dieser Beweis.
Felix Hartmann: Und gerade der Startort ist Teil der Erklärung. Andøya ist hoch im Norden, das gibt Geometrien, die von klassischen europäischen Startrampen so nicht abgedeckt waren. Es zeigt auch: Die Infrastruktur wird diverser, nicht nur die Firmen.
Lena Vogel: Die offenen Fragen sind aber die spannenderen. Wie oft kann Spectrum fliegen? Kommen kommerzielle Nutzlasten in relevantem Takt? Und kann man das Schritt für Schritt gegen SpaceX verteidigen, die eben nicht nur Träger sind, sondern auch Dragon und Starlink – also vertikal integriert?
Felix Hartmann: Mein Eindruck von den Diskussionen dazu ist eine klassische Zweiteilung. Die einen sagen: Meilenstein, endlich kommt Bewegung in Europa, genau der Nachweis, den Investoren und Kunden brauchten. Die anderen sagen: Ein Orbitalstart ist eine necessary condition, aber keine sufficient. Ohne Flugrate, ohne Zuverlässigkeitshistorie, ohne Preisvorteil bleibt man ein Nischenanbieter. Und die Kluft zu SpaceX ist heute größer als sie 2010 war, als diese Firma auch mal klein war.
Lena Vogel: Was beide Lager teilen: Der Moment zeigt, dass es geht. Und dass europäische Raumfahrt künftig nicht mehr automatisch staatlich bedeutet. Das dürfte politisch nachhallen – Europa wird sich die Frage stellen müssen, ob es einen unabhängigen Zugang zum Orbit kommerziell oder staatlich sichert.
Felix Hartmann: Eben. Und Unabhängigkeit ist ja gerade das Thema unserer nächsten Story. Die Niederlande haben Gold nach Hause geholt. Konkret: 86 von insgesamt 612 Tonnen Goldreserven wurden aus den USA und aus Kanada zurückgeholt – und landen jetzt bei der Bank of England.
Lena Vogel: Achtung, nicht in den Niederlanden selbst, sondern in London. Offizielle Begründung: Krisenvorsorge angesichts geopolitischer Unruhe – und da wird ziemlich direkt auf Trump und die aktuelle US-Politik verwiesen.
Felix Hartmann: Das Interessante ist die Symbolik. Gold lagert traditionell in New York oder London, weil das historisch die liquiden Märkte sind. Wenn ein Land jetzt etwas zurückholt, sendet das eine Nachricht: Wir vertrauen den klassischen Verwahrorten nicht mehr uneingeschränkt.
Lena Vogel: Wobei man fair bleiben sollte: 86 Tonnen ist ein kleiner Teil von 612. Das ist keine Panikflucht, das ist Vorsorge. Aber gerade weil es so dosiert ist, wirkt es wie ein Signal, das man abgeben wollte.
Felix Hartmann: In den Diskussionen dazu gab es drei Stränge. Erstens: Wer folgt? Wenn die Niederlande das machen, schauen andere Zentralbanken genau hin. Zweitens: Was ist das reale Risiko? Kann Gold in New York eigentlich blockiert werden? Historisch gab es den Fall Afghanistan mit eingefrorenen Reserven, also ist die Sorge nicht abwegig. Drittens der Einwand: Vorsorgemaßnahmen selbst können Panik erzeugen.
Felix Hartmann: Wenn jeder Staat anfängt, physische Werte zu bewegen, destabilisiert das genau das Vertrauen, das man schützen will.
Lena Vogel: Der kleinste Streit war wohl der über den Ort: London statt Amsterdam sorgte für Schmunzeln. Krisenvorsorge heißt hier offenbar nicht "nach Hause", sondern "aus dem amerikanischen Rechtsraum raus".
Felix Hartmann: Was mir daran gefällt: Das schließt einen Bogen zu physischen Gütern insgesamt. Denn beim nächsten physischen Gut laufen die Dinge genau andersherum – der Wert bricht ein. Diamanten.
Lena Vogel: Genau. Der Wall Street Journal berichtet: Diamantenminen in Südafrika schließen, wegen schwacher Verkäufe und wegen Lab-Grown-Diamanten. Tausende De-Beers-Arbeiter verlieren ihre Arbeit.
Felix Hartmann: Die Kernfrage der Branche war immer: Warum ist ein Diamant wertvoll? Die klassische Antwort: Seltenheit plus Kontrolle des Angebots plus emotionale Symbolkraft. Und jetzt kommen Laborsteine, die physisch identisch sind, für einen Bruchteil des Preises. Das Wertversprechen "natürlich und selten" hält dem nicht mehr stand.
Lena Vogel: Was mich an den Kommentaren dazu fasziniert hat: Es gab kaum Verteidiger des Preises natürlicher Steine. Die Mehrheit sagte offen, der Diamantpreis war nie fundamentals getragen, sondern Marketing. De Beers hat den Markt jahrzehntelang künstlich knapp gehalten. Jetzt, wo die Kontrolle wegbrechelt, bricht der Preis.
Felix Hartmann: Der Gegenpointe zufolge – und die gab es durchaus – sind natürliche Diamanten künftig wie Naturperlen: ein Luxussegment für die, die Herkunft und Geschichte wollen, während der Massenmarkt zu Labor geht. Das ist kein Kollaps, sondern eine Spaltung. Kostet eben nur Tausende Arbeiter in Südafrika ihren Job, weil der Massenmarkt wegbrechelt.
Lena Vogel: Und das hat eine soziale Dimension: Südafrika lebt historisch vom Bergbau. Minenschließungen treffen Regionen, die wenig Alternativen haben. Langfristig dürfte das eine Strukturkrise der Branche sein, kein Zyklus.
Felix Hartmann: Und wenn wir schon bei Industrien sind, die viel erklärt haben und wenig preisgegeben haben – jetzt kommt der dicke Teil. Zwei Skandale, die beide Jahrzehnte alt sind.
Lena Vogel: Nummer eins: Der Ursprung der ultraverarbeiteten Lebensmittel. Seit 1963 haben Tabakfirmen wie R.J. Reynolds und Philip Morris Lebensmittelmarken gekauft – Hawaiian Punch, Kraft, Nabisco. Das ist also der Ursprungspunkt hyperpalatabler, stark verarbeiteter Produkte.
Felix Hartmann: Der Denkansatz dahinter ist schön düster: Die Tabakindustrie hatte jahrzehntelang erforscht, wie man Menschen dazu bringt, Produkte zu konsumieren, die ihnen schaden. Süße, Fett, Salz, genau dosierte Reize – dieses Wissen wurde auf Lebensmittel übertragen. Hyperpalatable Food ist quasi die Fortsetzung des Tabakgeschäfts mit anderen Mitteln.
Lena Vogel: Die meisten Leute wissen, dass Tabakunternehmen Tobacco-Marketing betrieben haben. Dass dieselben Firmen die Lebensmittelindustrie so geprägt haben, ist deutlich weniger bekannt. Der Schwenk kam nicht zufällig – er kam, weil man eine Technologie der Suchterzeugung besaß und ein neues Absatzfeld brauchte.
Felix Hartmann: Nummer zwei skaliert das noch: 3M wusste seit den 1970ern, dass PFAS – die "ewigen Chemikalien" – im Blut der Bevölkerung sind. Und hat es jahrzehntelang verschwiegen. Jetzt spricht eine Ex-Wissenschaftlerin des Unternehmens öffentlich aus.
Lena Vogel: PFAS sind überall: in Pfannen, Verpackungen, Textilien, Löschschaum. Sie bauen sich praktisch nicht ab. Und das Unternehmen hatte also Blutwerte der allgemeinen Bevölkerung gemessen und das Wissen intern gehalten.
Felix Hartmann: In den Diskussionen dazu war der Ton deutlich härter als bei den Diamanten. Da war es Marketing, hier ist es eine Frage von Körperverletzungsdebatte. Ein Kommentator brachte es auf den Punkt: Wir haben drei Beispiele in einem Jahrzehnt – Tabak, Blei, PFAS – und jedes Mal dasselbe Muster. Firma weiß seit Jahrzehnten Bescheid, veröffentlicht nicht, Regulierung kommt viel zu spät, Schadensersatzprozesse folgen, und die Rechnung zahlt die Öffentlichkeit.
Lena Vogel: Der Einwand, den man dagegen hört, ist: Damals waren die Messmethoden und toxikologischen Standards anders, man kann in der Rückschau nicht einfach heutige Maßstäbe anlegen. Aber selbst der schwächste Verteidiger muss einräumen: Wenn man eigene Messungen des Bluts der Bevölkerung hat und sie geheim hält, ist das keine Unschuld mehr.
Felix Hartmann: Was die offene Frage ist: Welche Folgen? PFAS-Prozesse laufen, Regulierungen kommen in verschiedenen Jurisdiktionen unterschiedlich schnell. Und die Union-Story direkt daneben zeigt übrigens, dass Vertrauen in Institutionen gerade allgemein brüchig ist.
Lena Vogel: Das leitet gut über. Denn jetzt zur staatlichen Seite dieser Vertrauenskrise. Das Pentagon hat eine Testosteron-Screening-Leitlinie zurückgezogen. Nach nur einem Tag. Ohne Begründung.
Felix Hartmann: Das Tempo ist der Skandal. Leitlinien entstehen normalerweise über Monate, mit Fachgremien, Stellungnahmen, Abwägungen. Eine Leitlinie nach einem Tag zurückziehen, das bedeutet: Politik hat reingegriffen.
Lena Vogel: Und die medizinische Fachseite sagt klar: Routine-Screening auf Testosteron bei symptomlosen Männern ist medizinisch problematisch. Man findet Grenzwerte, die niemandem helfen, man löst Follow-up-Diagnostik aus, Therapien mit Nebenwirkungen, potenziell Schaden ohne Nutzen. Die Leitlinie war also aus Sicht vieler Mediziner ohnehin fragwürdig.
Felix Hartmann: Was die Debatte so schief macht: Man kann nicht mal die Kritiker der Leitlinie zufrieden stellen. Die, die sie für unsinnig hielten, fragen jetzt: Warum war sie überhaupt da? Und die, die mehr Testosteron-Diagnostik wollen, empfinden den Rückzug als Zensur. Ohne Begründung bleiben beide unzufrieden.
Lena Vogel: Genau das ist der Punkt: Es geht nicht um die Substanz, es geht um Verfahren. Wenn Leitlinien nach politischem Druck taggleich verschwinden, hört man auf, ihnen Autorität zuzuschreiben. Das ist eine Institution, die ihre eigene Glaubwürdigkeit abgibt.
Felix Hartmann: Und der Kontrast dazu ist fast zu perfekt: Wikimedia.
Lena Vogel: Ja – die US-Mitarbeiter der Wikimedia Foundation haben überwältigend für eine Union gestimmt, gemeinsam mit der CWA. Und die Bewegung ist nicht auf die USA beschränkt, es gibt auch in UK und international vergleichbare Anläufe.
Felix Hartmann: Das ist ein Test für die Wikipedia-Welt, die sich immer als dezentral, gemeinsam, idealistisch versteht. Wenn die bezahlten Angestellten der Foundation sich organisieren, heißt das: Kollektive Interessenvertretung ist auch im Bewegungsraum nötig. Man kann nicht nur von Mission und idealer Haltung leben.
Lena Vogel: Die Reaktionen waren bemerkenswert positiv, was mich etwas überrascht hat. Ich hätte mit mehr Skepsis gerechnet – Sorge um Governance, um Verhärtung von Fronten. Stattdessen: überwiegend Glückwünsche, weil die Stimmung im Unterschied zu den Konzernskandalen, über die wir eben gesprochen haben, transparent verläuft. Abstimmung, klare Fronten, öffentliches Ergebnis.
Felix Hartmann: Offen bleibt, was bei den Verhandlungen herauskommt. Eine Union zu gründen ist einfach; Tarifverträge, Gehaltsstrukturen, Remote-Arbeit-Regeln – das ist der harte Teil. Und die internationale Dimension wird spannend: Wikipedia ist global, aber die Angestellten sitzen überwiegend in den USA. Wie solidarisch ist das?
Lena Vogel: Von Institutionen, die ihr Vertrauen verlieren, zu einer, die gerade paradigmatisch abrüstet: die UN. Die räumt offiziell ein, dass das 1,5-Grad-Limit überschritten wird.
Felix Hartmann: Und damit verbunden ein echter Paradigmenwechsel: von "Vermeiden um jeden Preis" zu "Overshoot". Also: Den Höchststand der Erwärmung so klein wie möglich halten, dann durch das Ende der Emissionen plus aktiven CO2-Abbau wieder zurück unter die Grenze kommen.
Lena Vogel: Man muss sich vorstellen, was das bedeutet. Jahrzehntelang war 1,5 Grad die unlösbare Grenze, die man nicht überschreiten durfte. Jetzt die offizielle Erkenntnis: Das Schiff ist weg, wir planen jetzt die Rückreise. Und die Rückreise ist technologisch und politisch noch schwieriger als die Hinfahrt.
Felix Hartmann: Genau, denn der CO2-Abbau in relevanter Größenordnung existiert heute praktisch nicht. Da gibt es Pilotanlagen, es gibt Theorien, aber nichts, was gigatonnenweise Kohlendioxid aus der Atmosphäre holt. Die Strategie setzt also auf eine Technologie, die noch erfunden werden muss.
Lena Vogel: In den Diskussionen dazu drei Positionen. Position eins: realistisch und ehrlich, endlich sagt jemand die Wahrheit, und das kann mehr bewirken als weiteres Moralisieren an einer unerreichbaren Grenze. Position zwei: gefährlich, denn "Overshoot" kann als Rechtfertigung gelesen werden, weniger zu tun – "wir können ja später zurückkehren". Moral Hazard, kurz gesagt.
Lena Vogel: Position drei: pragmatisch, der Peak ist ohnehin das, worauf es ankommt, und "begrenze den Peak" ist einfach eine andere Formulierung für "so schnell wie möglich runter mit den Emissionen".
Felix Hartmann: Es gab auch eine Verbindung zurück zu unserer PFAS-Story, die ich interessant fand: Beides sind Fälle, wo Institutionen erst Jahrzehnte nach den Fakten offiziell zulassen, was viele schon lange wussten. Bei 3M war es das Wissen der Firma, bei der UN ist es die Kurskorrektur. In beiden Fällen verliert die Institution ein Stück Glaubwürdigkeit, auch wenn die Korrektur an sich richtig ist.
Lena Vogel: Und von Institutionen, die ums Vertrauen kämpfen, zu einer Technologie, die Vertrauen auf ganz andere Art testet: KI.
Felix Hartmann: Zwei Quellen, ein Thema. Erstens: KI-Tools im Site-Reliability-Engineering – also der Behandlung von Störungen in Produktionssystemen. Die Datenlage: MTTR, die mittlere Zeit zur Wiederherstellung, sinkt bei routinemäßigen Incidents messbar. Klarer Produktivitätsgewinn.
Lena Vogel: Aber der Haken: Ingenieure verlieren Übung und Intuition, wenn die Routinearbeit automatisiert wird. Und dann scheitern sie an komplexen Fällen, wo die Automatisierung nicht greift. Das ist keine neue Erkenntnis – das stammt aus dem Jahr 1983, Lisanne Bainbridge, "Ironies of Automation". Die Ironie: Je besser man die Routine automatisiert, desto katastrophaler wird der menschliche Fehler in dem Moment, wo die Automatisierung versagt.
Felix Hartmann: Was hat das mit unserem Thema zu tun? Genau das, was im SRE-Kontext passiert: Der Operator, der alle Störungen an KI delegiert, hat in einem kritischen Moment keine Übung mehr. Und das war schon 1983 vorhergesagt, für Flugzeuge und Kraftwerke. Wir wiederholen das Experiment jetzt mit LLMs.
Lena Vogel: Zweitens, und das geht noch eine Ebene tiefer: Ein arXiv-Papier modelliert LLM-Nutzung als "Cognitive Virus". Die Idee: Die Nutzung verbreitet sich sozial, wie eine Infektion. Und bei hinreichender Verbreitung entstehen Kippunkte – dann ein Lock-in, ein Einsperren in die Nutzung, und am Ende der Verlust kognitiver Kompetenz in der Bevölkerung.
Felix Hartmann: Der Einwand dagegen: Kognitive Kompetenz ist nicht ein fester Vorrat, der verbraucht wird, sondern eine Fähigkeit, die man trainiert. Wenn KI Routine abnimmt, kann der Mensch sich auf anspruchsvollere Arbeit konzentrieren – wie der Taschenrechner, der das Kopfrechnen abgelöst hat, ohne dass Mathematik starb.
Lena Vogel: Und der Gegen-Einwand: Beim Taschenrechner blieb das Verständnis des Problems beim Menschen. Wenn man LLMs ganze Denkaufgaben delegiert – Entwurf, Argumentation, Bewertung – ist unklar, was übrig bleibt. Die Frage ist nicht, ob man das Werkzeug benutzt, sondern welche Fähigkeiten man bewusst weiter übt.
Felix Hartmann: In den Diskussionen war der pragmatische Konsens etwa: Übung muss künstlich erhalten werden. Manche Teams führen "KI-freie Tage" ein oder machen pairing ohne Assistenz, gerade bei Junior-Entwicklern. Aber das ist Einzelinitiative, keine Regel. Die offene Frage ist, ob man das institutionell organisieren kann oder ob es am Markt scheitert – wer auf Übung verzichtet, spart kurzfristig.
Lena Vogel: Genau dort schließt unser nächster Block an: Werkzeuge, die Kontrolle beim Nutzer lassen statt abgeben. Git.
Felix Hartmann: Drei klar getrennte Punkte, die thematisch zusammenpassen. Der erste: .gitignore. Die übliche Praxis ist, alles zu committen und nach und nach auszuschließen – build artifacts, editor files, was auch immer. Der Gegenvorschlag: Dreh es um. Setze "*" als Standard, also nichts wird getrackt, und whitelist explizit über "!file"-Regeln, was rein darf.
Lena Vogel: Das hat zwei große Vorteile. Erstens: Kein Junk landet versehentlich im Repo. Zweitens – und das ist der Grund, warum die Diskussion heiß lief – auch keine Agentendateien. LLM-Agenten schreiben überall Dateien in Arbeitsverzeichnisse. Mit Whitelist-Ansatz bleiben die automatisch draußen.
Felix Hartmann: Der Nachweis gegen Argument war: Es ist mühsam. Jede neue Datei muss man erst whitelisten, sonst vergisst man sie beim Commit. Ein Klassiker-Fehler ist, eine Datei zu erstellen, sie zu vergessen, und sich zu wundern, warum der Build auf CI rot ist. Der Einwand dagegen: Besser eine vergessene Datei als versehentlich committete Geheimnisse oder Agentenmüll. Es ist ein Trade-off zwischen Bequemlichkeit und Sicherheit, und manche sagen, Git sollte das als Option anbieten.
Lena Vogel: Zweitens: Pushin.eu. Ein neues Git-Hosting aus der EU, gehostet bei Scaleway in Paris. Allein in der EU, blockt KI-Slop – also KI-generierten Müll in Issues und Pull Requests – und verspricht, keine Modelle auf die Daten zu trainieren. Aktuell invite-only Beta,GA frühestens 2027.
Felix Hartmann: Das ist die Antwort auf eine echte Sorge: viele Entwickler wollen nicht, dass ihre Repos als Trainingsdaten dienen. Und die EU-Jurisdiktion gibt da regulatorische Rückendeckung. Die skeptischen Stimmen fragen allerdings: Überlebt das? Forge-Plattformen leben von Netzwerkeffekten, und ohne kritische Masse wird das ein Nischendasein. Und "GA 2027" ist für ein Beta heute weit weg.
Lena Vogel: Kurz und separat, wie versprochen: Zwei Bildungspunkte. Erstens ein Artikel, der Rust-Vtables visualisiert. Konkret: dyn Trait ist in Rust ein Fat Pointer, also Datenzeiger plus Vtable. Und ZSTs, zero-sized types, haben Größe 0 – was zur Folge hat, dass unterschiedliche ZST-Instanzen teils dieselbe Adresse haben. Für jemanden, der Rust hinter die Kulissen schauen will, ein sehr hübscher Artikel.
Felix Hartmann: Und zweitens: Das Buch "Learn Programming with OCaml" von Conchon und Fillière ist kostenlos lizenziert verfügbar, CC BY-SA 4.0, als PDF und EPUB. Wer eine fundierte, formale Einführung in die Programmierung sucht, hat hier was umsonst. OCaml ist nicht die mainstream Wahl, aber als Lehrbuchansatz ist es stark.
Lena Vogel: Das leitet über in unseren Nerd-Block. Vier Storys, die man sonst nirgendwo hört.
Felix Hartmann: Story eins: Der Mimic Systems Spartan. Ein Apple-II+-Emulator – für den Commodore 64. Angekündigt 1984, ausgeliefert erst 1986. Und die Werbung war bizar: Mimen. Ja, Pantomimen, in Printanzeigen, die die Vorteile des Emulators darstellen sollten. Und heute sind diese Anzeigen Sammlerstücke.
Lena Vogel: Man muss sich das mal vorstellen: Ein C64-Besitzer kaufte sich also einen Emulator, um Apple-Software zu laufen zu lassen. Zwei 8-Bit-Homecomputer, und der eine simuliert den anderen. Das war technisch vermutlich ein Fingerspiel, und kommerziell kam es zwei Jahre zu spät – der Markt für Apple-Software auf dem C64 dürfte begrenzt gewesen sein.
Felix Hartmann: Und trotzdem lieben Sammler genau das heute. Es ist die kuriose Ecke der Computergeschichte, die zeigt, wie viel Experimentierfreude es in den 80ern gab. Man probierte alles aus.
Lena Vogel: Story zwei: Das Terpstra Keyboard. Isomorphes Layout heißt: Die Form der Akkorde ist überall auf der Tastatur gleich. Was du in einer Tonart lernst, gilt in jeder anderen. Dazu 280 Continuous Controller, die ihre Farbe wechseln, je nachdem was sie gerade steuern.
Felix Hartmann: Der Preis: rund 5000 Dollar. Es ist also kein Produkt für die Masse, sondern ein Instrument für Leute, die Harmonie wirklich verstehen wollen. Musiker, die es benutzt haben, berichten, dass das isomorphe Layout Theorie sichtbar macht – Intervalle sehen gleich aus, egal wo man sie spielt. Aber der Umstieg von einem klassischen Klavier ist ein kompletter Neuanfang.
Lena Vogel: Story drei: Der AMD BC-250. Das ist im Kern ein Mining-Board, das auf einem PS5-APU-Ausschuss basiert – also Chips, die die Qualitätskontrolle der Konsole nicht bestanden haben, aber gut genug für Mining waren. 16 GB GDDR6 drauf, Linux nötig, früher für ungefähr 60 bis 100 Dollar zu haben.
Felix Hartmann: Und jetzt, wo das Mining gestorben ist, hat die Community die Dinger entdeckt und macht sie mit Mods spielbar. Cyberpunk läuft drauf. Das ist ein faszinierendes Stück Hardware-Recycling: Ein Ausschussprodukt der Konsolenfertigung, gebaut für Kryptowährung, wird jetzt zur billigen Gaming-Plattform für Bastler.
Lena Vogel: Der Haken: Es ist kein Plug-and-Play. Man braucht Linux-Kenntnisse, Treiber-Mods, Geduld. Aber gerade das ist der Reiz – man kauft sich für 80 Euro ein Stück PS5-Hardware und muss es erst bezwingen.
Felix Hartmann: Und Story vier bricht den Ton: Brad Feld ist 60 geworden und hat eine Liste der echten Luxusgüter veröffentlicht. Zeit. Gesundheit. Ruhiger Geist. Langsame Morgen. Menschen, die einen lieben.
Lena Vogel: Kein einziges materielles Ding auf der Liste. Und das in einer Folge, in der wir über Diamanten gesprochen haben, deren Wert gerade zerfällt, über Gold, das in Tresoren wandert, über Technik für 5000 Dollar. Da ist eine liste wie diese ein schöner Kontrapunkt. Luxus ist am Ende nicht das, was man besitzt, sondern das, was man nicht mehr kaufen muss.
Felix Hartmann: Und passend zum Kontrapunkt-Charakter unsere letzte Story: die Ig-Nobel-Preise 2026. Erstmals in Zürich verliehen. Der Umzug aus Boston hat einen ernsten Grund: Sicherheitsbedenken für internationale Gäste in den USA.
Lena Vogel: Die Ig-Nobels sind traditionell das schräge Gegenstück zu den Nobels – Forschung, die einen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Boston war seit Jahrzehnten die Heimat, Harvard, die Zeremonie mit den Papierflugzeugen.
Felix Hartmann: Und dass ausgerechnet diese friedliche, absurd-kreative Veranstaltung umzieht, weil sich internationale Wissenschaftler in den USA nicht sicher fühlen, ist eine eigene kleine Schlagzeile. Es verbindet den skurrilen Charakter mit einem ernsten Punkt: Amerikas Attraktivität als Wissenschaftsstandort ist gerade im Sinken. Wir hatten heute schon den Goldabzug als Signal, jetzt das.
Lena Vogel: Das war's von uns. Danke fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal.
Felix Hartmann: Tschüss, und bleibt neugierig.